Grüne Mode, Interviews
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»Cycling is not a sport« – Mathias Ahrberg im Interview über grüne Fahrradmode, gemeinsame Touren mit „Freunde am Fahren“ und den Mythos Rennrad

Ich bemühe selten Sprichwörter. Zu allgemein sind sie doch für die zumeist sehr singulären und subjektiven Momente, in denen sie benutzt werden. »Gut Ding will Weile haben« trifft diesmal aber einfach zu. Mitte Juni habe ich mit dem charmanten Mathias Ahrberg in Kreuzberg zusammengesessen und über die ersten Kleidungsstücke seines neuen Labels AHRBERG gesprochen, fotografisch begleitet von René Zieger. Die beiden kurzweiligen Stunden, audiovisuell auf das iPhone gebannt. Monatelang, wie sich herausstellen sollte. Erst keine Zeit durch den Job, dann mal eine Woche Urlaub, dann mein Fahrradunfall. Es sollte demnach nicht sein. Bis zum heutigen Tage. Fast 6 Monate nach dem Interview und dank der Herbstsonne mit einigen verbliebenen Sonnenstunden glücklicherweise immer noch irgendwie »right on time«.

Alf / Mathias, du hast bis 2012 mit Wiebke zusammen fairliebt gemacht. Auf der Abschiedsfeier in Hamburg wusstest du aber noch nicht, dass es für dich mit AHRBERG weitergehen sollte. Wie kamst du auf die Idee, Fahrradbekleidung zu machen?

Mathias / Das hat sich langsam so entwickelt. Kurz nachdem wir mit fairliebt aufgehört haben, saß ich mit meinem guten Freund Christian, mit dem ich versuche einmal im Jahr in Österreich Mountainbike zu fahren, abends auf dem Balkon, wir tranken ein Bier und Christian sagte: „Und jetzt gründest du ein Fahrradsportlabel!“ Ich lachte und sagte: „Auf gar keinen Fall!“ Eineinhalb Jahre später waren wir wieder Radfahren, diesmal im Allgäu, haben Bier getrunken und ich meinte zu ihm: „Rate mal, was ich jetzt mache? Ein Fahrradsportlabel!“

A / Was ist in den eineinhalb Jahren passiert und warum hast du dich für Fahrradmode entschieden?

M / Ich hatte doch wieder Lust, etwas Eigenes zu machen. Bei der Fahrradmode hat mich vieles gestört: Die Materialien, der Look, der ganze Ansatz. Das „SportMackerDing“. Das Fahrrad selbst begleitet mich schon so lange, vom ersten Mountainbike über das BMX in meiner Jugend bis hin zum Rennrad – da war klar, dass ich etwas mit Mode und Rad machen wollte.

A / Ich kann mich noch an mein erstes Fahrrad erinnern: Ein Kettler Alu-Rad in Rot …

M / … ich dachte, die gab es nur in Grün? …

A / … das hat ewig gehalten, draußen bei uns auf dem Land, und fährt bestimmt noch immer. Als ich dann nach Wien und Berlin zog war dann klar, dass ich keine Lust auf den Öffentlichen Nahverkehr habe. Und seit ich mein Rennrad damals auf der Straße mit einem „Zu verkaufen“-Schild sah, ist es mein primäres Fortbewegungsmittel geworden. Ohne Wenn und Aber. Ob nun Kopfsteinpflaster oder Bordstein.

M / Mit AHRBERG geht es mir auch um etwas, was du damit ansprichst: Dem Radfahren eine Wertigkeit zu geben. Die Fahrradfahrer sind noch eine sehr heterogene Masse. Es gibt kein „Wir sind Radfahrer“, wobei sich das seit Jahren bessert. Radfahren ist aber nicht nur Sport, sondern eben auch praktisch. Das Fahrrad ist das praktischere Fortbewegungsmittel. Und dafür mache ich mit AHRBERG auch praktische Fahrradmode.

»Es geht um dieses Gefühl, zusammenzufahren. Nicht um ein Wettrennen an einer Ampel«

A / Bevor wir noch ausführlicher über dein Label sprechen, noch ein paar Worte zu Freunde am Fahren, bitte.

M / Ja, ich sag immer: Radfahren kommt vom Radfahren. Wir haben mit der Ahrberg-Tour in der Lüneburger Heide begonnen und den Ahrberg erklommen. Da kamen knapp 60 Starter zusammen und fuhren gemeinsam 120 Kilometer. Im November. Bei 10 Grad. Total gut. Und das hat irgendwie allen so viel Spaß gemacht, dass wir weiterhin kleine Touren veranstalten. Am 15. November ist es wieder soweit! Bei manchen ist da der Knoten geplatzt, da sie selbst überrascht waren, dass sie mehr als 100 Kilometer fahren können und seitdem lange Touren fahren. Auch beim letzten Mal war jemand dabei, der noch nie so viel am Stück gefahren ist.

A / Die Touren gibst du vor, bestenfalls fährst du auch Probe. Und wer Bock hat, mitzufahren, der kommt zum vereinbarten Treffpunkt. Richtig?

M / Exakt. Bei der Ahrberg-Tour hat es das Feld komplett zerrissen, bei den anderen „Freunde am Fahren“-Touren sind wir alle zusammengefahren. Beides war klasse. Es geht um dieses Gefühl, zusammenzufahren. Nicht um ein Wettrennen an einer Ampel. Vielleicht eher, um einen Zeugen zu haben. (lacht dabei)

»Unsere Sachen sind durchaus für alle interessant, auch der 50-jährige Touren-Radfahrer mag ein schönes, weiches Kleidungsstück«

A / Neben den Touren sind die Messen für dich wichtig, um AHRBERG bekannter zu machen. Du hast auf der diesjährigen Velo und der Berliner Fahrradschau tolles Feedback für deine Kollektion bekommen. Manche waren begeistert, da dein Loop »wirklich so gut ist wie du gesagt hast« – ein tolles Lob für deine Arbeit und deine Produkte.

M / Danke und »Ja«, das Material, welches wir verwenden, ist wirklich gut. Für das Shirt haben wir TENCEL verwendet. Der Stoff wird in Österreich produziert und in einer polnischen Näherei weiterverarbeitet. Der Loop besteht aus 60 Prozent TENCEL und 37 Prozent Meryl Nexten, einer klassischen Funktionsfaser. Das ist aus grünem Gesichtspunkt nicht ganz korrekt, da es eine Neufaser ist, die eingearbeitet wird. Das Problem ist: Wir kriegen in Europa keine recycelten Fasern, da wir als Label viel zu klein sind. An diesem Punkt wägen wir ab und haben uns für ein Bluesign®-zertifiziertes Produkt entschieden, welches zudem vegan ist.

A / (Überrascht) Ist vegane Radkleidung ein Thema?

M / Ja, nicht nur in meinem Freundeskreis. Für Radkleidung wird häufig Merino-Wolle, meist aus Neuseeland, verwendet. Alles, was schlicht und schön ist, ist auch aus Merino-Wolle. Gerade der Prozess der Gewinnung der Wolle ist fragwürdig. Um darauf nicht zurückgreifen zu müssen, haben wir beim Shirt auf 93 Prozent TENCEL und 7 Prozent Elasthan gesetzt – und haben damit ein noch besseres Produkt erhalten.

A / Mit TENCEL bist du der einzige Anbieter im Fahrradbereich, wenn ich das richtig im Kopf habe.

M / Ja, und ich bin verwundert, dass so wenige Labels TENCEL für Bekleidung verwenden. TENCEL ist gegenüber der Baumwolle die effizientere Faser, gerade in Bezug auf die Anbaufläche und den Wasserverbrauch.

A / Was mich wundert ist: TENCEL wird kaum verwendet, obwohl es eine bessere Haptik hat und eine höhere Qualität in der Verarbeitung garantiert …

M / … aber teurer ist. Das ist der Knackpunkt, das Ausschlaggebende. Du bist mit TENCEL gleich im höherpreisigen Segment. Bei einem T-Shirt liegst du eben bei 65 Euro. Im Lifestyle-Bereich ist das viel, im Sport- und Funktionsbereich aber noch in Ordnung. Ich bin weiterhin optimistisch, auch wenn das Material das Dreifache von einer sehr guten Baumwolle kostet.

»Auf unserem Shirt zum Beispiel findest du keinen Reflektorstreifen. Es ist einfach ein tolles Shirt, das dich gut kleidet und funktional auf dem Rad zur Arbeit bringt«

A / Nach dem Loop, den Cycling Caps, dem Shirt und deinem Baselayer – wie geht es mit AHRBERG modisch weiter?

M / Perspektivisch wollen wir Richtung Streetwear gehen. Aber wir nehmen uns immer viel Zeit für die einzelnen Produkte, da wir alles selbst entwickeln. Wir schlagen nicht einfach den Katalog auf und drucken irgendwo unser Label drauf. Ich hätte zum Beispiel total Bock auf eine Hose, aber das ist eben ein immenser Aufwand. Gerade bei einer Jeans, die bei 140 Euro liegen würde. Ein Loop ist da einfacher, ein Teil zum Mitnehmen, für 40 Euro.

A / Nicht nur für die Rennfahrer?

M / Nein, für alle Radfahrer. Auf unserem Shirt zum Beispiel findest du keinen Reflektorstreifen oder ähnliches. Es ist einfach ein tolles Shirt, das dich auf dem Rad gut gekleidet und funktional auf die Arbeit bringt. So einfach ist es, nach dem Motto »Cycling is not a sport«.

A / Sag noch etwas mehr über dieses Motto, welches so zentral für dich und AHRBERG ist. Was hat es damit auf sich?

M / Radfahren ist einfach so viel mehr. Fast jeder besitzt ein Rad, aber sobald man sich etwas intensiver damit beschäftigt sagen alle »Ah, Sport«. Dabei ist Radfahren ja einfach viel mehr drum herum, für mich oder uns halt zumindest. Andererseits reizt viele am Radfahren aber auch der sportliche Aspekt. Gerade Rennradfahren im Speziellen ist ein krasser Performance-Sport. Und ist auch eine besonders schöne Synergie zum modernen Kapitalismus, also dass man ausgerechnet jetzt, in unserer Zeit, wieder Rennrad fährt. Der Top Performer dreht alleine durch …

»Du bist mit dem Rennrad nicht der schnellste in der Stadt, mit einem schönen Stadtrad wesentlich schneller, aber das Rennrad suggeriert die Geschwindigkeit, dieses »Du könntest«

A / Absolut. Ein Rennrad zu haben und zu fahren ist einfach »in«. Doch die wenigstens setzen sich wirklich damit auseinander, was sie fahren und warum.

M / Ja, total. Alle, auch ich, haben reduzierte Stahlrahmen und schmale Reifen. Auch das ist irgendwie eine schöne Analogie zum modernen Büroarbeiter. Dieses „Ich sitze 12 Stunden im Büro, egal, wie viel ich leiste und zeige damit, dass ich anwesend bin und zeige, dass ich arbeite“. Ich zeige Willen. Und so ist es auch mit dem Rennradfahren: Du bist mit dem Rennrad nicht der schnellste in der Stadt. In Berlin und Hamburg hast du Kopfsteinpflaster auf Kopfsteinpflaster. Bordstein hoch, Bordstein runter. Da bist du mit einem schönen Stadtrad mit breiten Reifen wesentlich schneller, aber das Rennrad suggeriert die Geschwindigkeit – und das ist es halt: Du zeigst, »Du könntest«.

A / A propos »Willen«: Wann startet das erste AHRBERG-Touren-Team?

M / (Lacht laut) Oh, das dauert noch. Aber ein bisschen was passiert schon: Matthias von Zündstoff fährt tatsächlich für »uns«. Er ist gerade das 600km Brevet in Freiburg gefahren. Mit AHRBERG-Klamotten! Unsere Freundin Johanna Jahnke fährt Fixed Gear Criterium Rennen und trägt ebenfalls unsere Sachen. Wir machen da also schon was, aber ohne großen Marketing Plan. Aber vielleicht kommt da ja noch was!

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger

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