Berlin Südkreuz

Hat der Zug mal wieder Verspätung? Ein kleiner Spaziergang rund um das Südkreuz lohnt sich.

Wenn es mich aus der Hauptstadt zieht, dann ist Berlin Südkreuz mein Bahnhof. Leicht und schnell zu erreichen, ob nun mit den Öffis der BVG oder mit dem Carsharing. Ein wichtiger Knotenpunkt für den Bahnverkehr – und für alle, die am Sonntag noch etwas Einkaufen müssen. Doch wer beim Südkreuz eben nur an den Bahnhof denkt, der unterschätzt dieses Gebiet um Umkreis der Gleise.

Wer den Blick für Details schärft, stellt schnell fest, dass im Umkreis des Südkreuzes Welten aufeinanderprallen. Vor über einem Jahrhundert begann die durchaus wechselvolle Geschichte dieses Bahnhofs. 1901 öffnete die Station unter dem Namen Bahnhof Berlin-Papestraße ihre Pforten – inmitten eines von preußischen Kasernen und Eisenbahnregimentern geprägten Militärareals. Mit der „Papestraße“ verbanden viele Berliner*innen vor allem eines: endlose, zugige Umsteigewege durch gelbe Klinkerhallen, da die Bahnsteige der Ring- und Vorortbahn unpraktisch gegeneinander versetzt waren.

Aus Berlin-Papestraße wird Berlin Südkreuz

Ab 1980 und mit dem Kalten Krieg veränderte sich der Bahnhof immens: weite Teile der Anlage wurden stillgelegt, Birken wuchsen zwischen den verrosteten Gleisen und machten die Papestraße zu einem „Lost Place“. 2003 folgte der radikale Schnitt: Der historische Klinkerbau wurde fast vollständig abgerissen. Es wurde Platz für das visionäre „Pilzkonzept“ der Deutschen Bahn gemacht. Pünktlich zum Sommermärchen 2006eröffnete das heutige Berlin Südkreuz. Ein moderner Turmbahnhof aus Stahl und Glas, dessen westlicher Vorplatz heute den Namen der Schöneberger Ikone Hildegard Knef trägt und der von neu benannten Straßen wie der Lotte-Laserstein-Straße flankiert wird, die an die großen Frauen der Berliner Kunstgeschichte erinnern. Ob diesen beiden Künstlerinnen in einem Umfeld voller Beton und gänzlich ohne Kreativität damit ein Gefallen getan wurde, wage ich zu bezweifeln.

Der Bahnhof ist mittlerweile auch ein Fahrrad-Verkehrsknotenpunkt. Richtung Westen, über die markante Fußgänger- und Fahrradbrücke hinweg, geht es schnell zum Insulaner. Diese Brücke über den achtspurigen Stadtverkehr und dem sechsspurigen A100-Karosserie-Moloch ist nicht gerade gebaut, sondern in einer S-Kurve. Weiße Stützen, helfen dabei, den Höhenunterschied zwischen Bahnhof und angrenzender Gartenkolonie zu überwinden.

Dort angekommen könnte der Kontrast kaum größer sein. Dort die Blechlawinen und Abgase, hier die Berliner Laubenpieper mit gepflegten Hecken und fast dörflicher Idylle mitten im urbanen Niemandsland. Läuft man einige Meter stößt man zudem auf ein weiteres, fast bizarres Zeugnis der Stadtgeschichte. Wo Menschen entspannt Telefonate führen und Jugendliche heute Körbe werfen, befand sich im Zweiten Weltkrieg eine massive Flakplattform zum Schutz des Berliner Luftraums. Nach dem Krieg wurden die Betonkolosse gesprengt und zugeschüttet – und aus den historischen Trümmern entstand ein Basketball Court.

Sollte die Deutsche Bahn wieder einmal auf sich warten lassen, müsst ihr nicht auf den Gleisen warten. Nur einen Katzensprung entfernt zeigt Berlin wieder einmal, wofür ich diese Stadt so liebe: Immer für eine Überraschung gut und verdammt grün.

Fotos: René Zieger

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