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»Mode als Treiber zum positiven Wandel unserer Kultur« – Friederike von Wedel-Parlow über Cradle to Cradle und die Zukunft der Mode

Wie sieht das Material der Zukunft in der Modeindustrie aus? Immer häufiger fällt dabei das Schlagwort »Cradle to Cradle«, oder auch kurz C2C. Alles dreht sich dabei um die Kreislauffähigkeit des Materials, der vollständigen Abbaubarkeit aller Bestandteile. Klingt nicht gerade nach modern und stilvoll, oder? Doch weit gefehlt. Gemeinsam mit ihren Studentinnen und Studenten der AMD hat Prof. Friederike von Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institutes, den Cradle to Cradle Gedanken an zwei Produkten für Manufactum durchgespielt. Die Arbeit an der Damenweste und der Herrenjacke zeigt nicht nur auf, wie viel Detailarbeit in nachhaltige Mode fließt, sondern auch welche Zukunft unsere Mode haben kann. Über diese und weitere Themen habe ich mit Friederike gesprochen!


Manufactum hat in diesem Jahr seine erste Cradle-to-Cradle® Kollektion veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Kooperation mit Manufactum?

Zusammen mit Christine Fehrenbach, damals Bereichsleiterin für Markenentwicklung bei Manufactum, haben wir dieses Projekt entwickelt. Wir wollten den hohen Qualitätsbegriff bei Manufactum weiterentwickeln und um Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit erweitern. Um das zukunftsorientierte Thema in dem Unternehmen einzubringen und die Möglichkeiten hinsichtlich Produktentwicklung, Services und Kundenbindung etwas breiter zu untersuchen, haben wir ein Studienprojekt mit dem Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“ aufgesetzt. Die vielfältigen, auf Active-Wear und ganzheitlichen Kreislaufstrategien für die Manufactumkunden ausgerichteten Ergebnisse wurden Im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, im Manufactum-Warenhaus in Köln und bei internationalen Konferenzen gezeigt. Die Leiterin für kreativerer Einkauf, Angele Zettner, war schließlich so überzeugt von dem auf positiven Impact und Materialgesundheit ausgerichteten Cradle to Cradle-Konzept und der Arbeit der Studierenden, dass sie zwei Produkte ausgewählt hat für eine Umsetzung für Manufactum. Ein Jahr Entwicklungzeit später, sind diese beiden Produkte nun bei Manufactum erhältlich.

Was ist das Besondere an dieser Kollektion?

Das Besondere ist die Qualität, Innovation und Schönheit dieser Produkte. Sie sind für die Biosphäre gestaltet, für Gesundheit und Umwelt. Das bedeutet, dass sie entlang der Herstellung, der Nutzung und darüber hinaus positive Beiträge für alle im Prozess beteiligte und die Umwelt leisten. Mit einer hohen Arbeitssicherheit, sauberem Wasser aus der Produktion und dem Einsatz regenerativer Energie bei der Herstellung, der Abrieb beim Tragen oder Waschen ist kompatibel für die Umwelt, er stört die Artenvielfalt nicht, wie vergleichbare, konventionelle Polymere, die nicht abbaubar sind und zum vieldiskutierten Mikroplastikproblem werden.

Wo wurde die Kollektion produziert? 

Die Produkte wurden bei einem Konfektionär von Manufactum in Polen gefertigt. Der wurde dafür extra zertifiziert. Soziale Fairness und Wasser- und Energieeinsatz sind ganz wesentliche Bestandteile einer solchen Produktionsbezogenen Bewertung. Die Stoffe und textilen Zutaten kommen alle von Lauffenmühle aus Lauchringen am Rhein bei Basel, einer der treibenden Visionäre in der Textilindustrie für Cradle to Cradle Textilien und Zutaten. Dort ist über die Nachbargrenzen hinweg eine textile Zuliefererkette entstanden, die sich als Konsortium nach der umfassenden Qualität des Cradle to Cradle Konzepts ausgerichtet haben. Die Karabinerhaken und D-Ringe bei der Frauenweste und Knöpfe der Herrenweste wurden extra neu gesourct, bewertet und optimiert und in die Zertifizierung miteinbezogen.

Welche Herausforderungen musstest Du gemeinsam mit den Studentinnen und Studenten meistern?

Die größte Herausforderung für die Studierenden war, alle drei Aufgabenfelder zu bewältigen und jeweils eine Antwort, die alle drei miteinander zu einer schlüssigen Lösung führt, zu finden: Manfactum und seine Kunden verstehen, das weite Feld von Sportswear beleuchten und einen eigenen Standpunkt dazu finden und als umfassendste Aufgabe: Beneficial Design und Kreislauffähigkeit und damit das ganze System Mode von Herstellung, Vertrieb, Nutzung und Wiederverwendung zu durchdringen. Mich haben die Studierenden echt erstaunt, dass sie das in einem Semester fertiggebracht haben. Kurz vor der letzten Präsentation sah es noch nicht danach aus. Dann sollten sie sich gemeinsam eine Ausstellungskonzeption überlegen. Die Projekte mit Abstand zu betrachten und in Hinblick auf Empfänger-Verständlichkeit hat nochmal einen solchen Schub gegeben, dass sie in der Abschlusspräsentation das Team von Manufactum so überzeugen konnten, dass sie als nächsten Schritt die Produkte und das Cradle to Cradle Konzept wirklich in ihre Geschäfte holen wollten.

Was bedeutet eigentlich »Cradle to Cradle«?

Beim Designkonzept »Cradle to Cradle« (C2C) steht der Kreislaufgedanke im Vordergrund – »von der Wiege zur Wiege« sollen die Produkte geführt werden, Abfall dadurch obsolet gemacht werden. Die Produkte bewertet das Cradle to Cradle Products Innovation Institute nach fünf Katego- rien: Materialgesundheit und -wiederverwendung, erneuer- bare Energien, soziale Fairness und Wasser-»Stewardship«. Damit gelten »Cradle to Cradle«-Produkte als besonders umweltsicher, gesundheitlich unbedenklich und kreislauf- fähig. Es gibt fünf Zertifizierungsstufen, von Basic über Bronze, Silber und Gold bis zu Platin. Ab Gold ist es wirklich anspruchsvoll.

Aus »Einfach anziehend« von Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn

Die Damenweste und die Herrenjacke sind im Online-Shop von Manufactum zu kaufen. Beim ersten Blick stockte mir kurz der Atem: je 398,00 EUR ist ein mehr als gehobener Preis. Kannst du uns einen Einblick geben, wie sich dieser Preis zusammensetzt? 

Hast Du Dir die normalen Preise bei Manufactum angeschaut? Die Produkte liegen ganz gut in dem Rahmen für hochwertige, liebevoll gestaltete Produkte – und ja, sie sind sicherlich nicht für jeden Geldbeutel erschwinglich. Das ist vor allem eine Frage relativ kleiner Stückzahlen. Und wir sind im Bekleidungsbereich noch im absoluten Pionierfeld mit Cradle to Cradle. Hinter jedem einzelnen Detail steht eine akribische Mühe, allein die Knöpfe zu sourcen und über die ganze Zuliefererkette zu untersuchen und zu zertifizieren, war ein Riesenaufwand. Es sind dann extraangefertigte Hirschhornknöpfe geworden, da Hirsche ihre Geweihe abschlagen und das Horn also ohne Massentierhaltung oder Lebendbeschnitt als das tierwohl-freundlichste Material ausgewählt wurde.

Bei Cradle to Cradle werden 100% der Inhaltsstoffe bewertet und so optimiert, dass nur noch solche im Produkt und im Produktionsprozess verwendet werden, die bekannt und positiv für die Gesundheit und Umwelt sind. Die meisten Nachhaltigkeitskonzepte dagegen schließen lediglich schädliche Chemikalien aus, dabei weiß man dann aber noch immer nicht, was anstatt dessen drin ist. Eine Positivdefinition macht möglich, dass wir über die gesamten Inhaltsstoffe und deren Zulieferketten bis zum Rohstoff, zum molekularen Level kennen. Durchgehende Transparenz. Dass ist ein Aufwand der sich eben auch im Preis niederschlägt, solange wir uns noch in der Nische damit bewegen und wie hier in relativ kleinen Stückzahlen. Sobald das die neue Norm wird, werden die Preise sogar günstiger werden, nicht nur weil die externalisierten Kosten sich in diesem Konzept stark reduzieren, sondern auch wegen der viel günstigerer Arbeitssicherheit, Qualitätsmanagement und Digitalisierungsfähigkeit für die Wiederverwertung der Produkte und Fasern.

In meinen Recherchen über und der Auseinandersetzung mit neuen, nachhaltig agierenden Mode-Marken stoße ich sehr selten auf Cradle-to-Cradle®-Produkte. Was macht es so schwer, Cradle-to-Cradle® in die eigene Produktion zu implementieren?

Mittlerweile ziehen eine ganze Menge Firmen nach: C&A, G-Star, Wolford, Stella McCartney, sie alle bringen gerade solche Produkte auf den Markt, und da ist noch einiges im Kommen. Aber ja, es ist eine Herausforderung. Schummeln geht nicht. Hundertprozentige Transparenz ist einfach aufwendig. Um die Cradle to Cradle Gerbung aus Olivenleder umzusetzen, hat es fast zwanzig Jahre gebraucht. Jetzt sind langsam so viele Bausteine da, dass die Umsetzung einfacher wird und damit auch richtig Bewegung in das Feld kommt

Im Interview mit Cherie Birkner hast Du gesagt, in der Mode müsse es darum gehen, etwas „zu designen, das wirklich Fundament hat anstatt nur darauf zu achten, was sich gut verkauft.“ Welche Marken haben das aus Deiner Sicht bereits geschafft?

Da gibt es einige, Manufactum ist natürlich ein Beispiel. Das umfassende Innovationsverständnis bei Fillipa K finde ich auch sehr überzeugend. Die Ästhetik bleibt immer ganz oben, ob es um kreislauffähige Produkte, kurz- und langlebige, geht oder um Services, die solche Modelle unterstützen: Leasing, Secondhandverkauf, Rücknahme der Produkte und Reparatur oder um Beratung hinsichtlich Pflege der Produkte und zum kuratierten (reduzierten) Kleiderschrank der Zukunft. Armedangels haben auch eine tolle Entwicklung gemacht und haben eine beeindruckende Unternehmenskultur, die Wachstum möglich macht, um möglichst viele Menschen zu fördern und nicht auf deren Schultern. Es gibt ganz Viele, die mit einer wirklichen Mission unterwegs sind. Man ist zum Teil ganz überrascht aus welchen Bereichen heute Innovationen angeschoben werden. Ich verstehe Mode heute auch vielmehr als Transmitter einer Message, als Treiber zum positiven Wandel unserer Kultur.

Spulen wir zwei Jahre nach vorne: Wie entwickelt sich die nachhaltige Mode bis 2020?

Es wird zunehmend normal und selbstverständlich, dass Mode fair und gesund hergestellt ist. Die Großen haben aus ihren Pilotprojekten und ersten Ansätzen gelernt und sind nun in der Lage, das auch in Large-Scale anzubieten. Aus Konsumenten sind Nutzer und Wertschätzer geworden. Ihr Kleiderschrank ist klein mit lauter ausgewählten Stücken, Vielfalt entsteht durch Qualität für definierte Nutzungszeiten, gemeinschaftliche Lösungen und Kreativität. Okay, das wird eher noch länger brauchen. Ziemlich sicher bin ich mir jedoch, dass diese Anfangsschritte Richtung wirklicher Qualität und Innovation, Richtung Kreislauffähigkeit, sich viel schneller durchsetzen wird, als wir es uns heute vorstellen können. 2025 wird das im Massenmarkt ankommen.

Du lebst und arbeitest seit Jahren in Berlin. An welchem Lieblingsort verbringst du einen freien Tag?

Als echte Berlinerin liebe ich die Stadt und habe viele Lieblingsorte. Favorit ist Valentinswerder, da haben wir einen kleinen Garten direkt am See.

Danke, liebe Friederike, für das Interview!

 


Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Beneficial Design Institute (Portrait von Friederike von Wedel-Parlow) sowie Manufactum (Kollektion)

 

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