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Die letzten Tage im Funkhaus Nalepastraße

Berlin, im Herbst 2015. Goldgelb glänzen die Blätter, die Sonnenstrahlen lassen die Spree funkeln, die Vögel erfreuen sich eines warmen Jahresausklangs. Einsame Angler genießen die Ruhe und hören, nur gedämpft und aus der Ferne, den unmelodischen Krach, der den Proberäumen in Sichtweite entfläucht. Herzlich Willkommen auf dem Gelände des Funkhaus Nalepastraße, an einem der letzten Tage dieser DDR Institution.

Für René und mich war der Ausflug zum Funkhaus in der Nalepastraße 18 im Stadtteil Treptow/Köpenick eine Premiere: Noch nie waren wir so oft, auch getrennt voneinander, an einem Ort, den wir euch vorstellen wollten. Bei unserem ersten Besuch waren die Räumlichkeiten in Block C und auch die Aufnahmesäle zum Beispiel geschlossen – genau die Räume, von denen mir René so vorschwärmte, da sie noch so prachtvoll erhalten waren und ein Gefühl vermittelten, wie es damals, in den goldenen Zeiten des Funkhaus Berlins, so war – das Leben und die Musik. Bei unserem zweiten Besuch konnten wir zumindest Jana treffen, deren Café „Milchbar“ noch bis Mitte November geöffnet hat und der Treffpunkt für alle ist, die noch verstreut in den Räumlichkeiten des Funkhauses arbeiten, proben, kreativ sind. Wie es für sie in zwei Wochen weitergeht, ist noch nicht klar, denn: Für das Funkhaus Nalepastraße beginnt ein neues Kapitel.

Das von Franz Ehrlich entworfene und 1951 fertiggestellte Funkhaus ist an vielen Stellen des ungemein großen Areals marode und baufällig. Ganz zu schweigen von Block E, dessen Rohbau entkernt und mit Abstand zu den anderen Gebäuden wie eine Art Mahnmal fungiert. Wie es da so steht, alleine und verlassen auf dem vertrockneten Gelände, scheint das Gebäude nur auf die Abrissbirne zu warten. Doch die neuen Eigentümer scheinen etwas anderes im Sinne zu haben, wie Kai Ludwig in seinem Artikel „Zum Block E des Funkhauses Nalepastraße“ auf RadioEins.de herausgefunden hat. Für die Haupteinrichtungen gibt es seit Mai 2015 ebenfalls einen neuen und bereits in Berlin bekannten Eigentümer. Uwe Fabich gehören bereits der Postbahnhof am Ostbahnhof, die Erdmann-Höfe und der Wasserturm am Ostkreuz. Gemeinsam mit Holger Jackisch hat er neue Pläne für das Gelände – und die ansässige Untergrundkultur hat etwas Sorge, was aus ihrem Domizil, der Heimstätte gelebter Kreativität und Subkultur, werden wird.

Was genau mit der Milchbar passieren wird, lässt sich nicht in Erfahrung bringen.

Jana, die Pächterin der Milchbar, macht sich darüber noch weniger Gedanken. Sie wird, so pragmatisch ist sie, ihren sehr leckeren Grünkohl mit Pinkel oder die frisch geklopften Schnitzel nach Wiener Art ab Mitte November eben in anderen Räumlichkeiten auf dem Gelände anbieten. Die charmante ehemalige Bar des Funkhaus Berlins soll im Groben erhalten bleiben. Wir würden es uns wünschen, taucht man doch beim Besuch der Milchbar in die glorreichen 1960er Jahre ein. In eine Zeit, in der man nach dem Essen in der Kantine noch kurz einen Kaffee trank und abends vor lauter Zigaretten- und Zigarillo-Dunst kaum durch die Schwingtür in das Innere der Milchbar kam. Aus den vielen Artikeln, die momentan über das Funkhaus verfasst werden, lässt sich nicht in Erfahrung bringen, was genau mit der Milchbar geplant ist. Auch Jana weiß es nicht. Sicher ist, dass es direkt am Ufer vor der Milchbar, das aus den hohen Fenstern mit den weißen Gardinen zu sehen ist, einen Anlegesteg gibt, der für eine Schnellboot- oder Fährverbindung zwischen hier und dem Postbahnhof genutzt werden soll. Damit mehr Menschen als bisher dieses sich im Umbruch befindliche DDR-Refugium besuchen können.

Mit unserer kindlichen Freude am Entdecken schritten René und ich das Gelände ab, ärgerten uns über verschlossene Türen, freuten uns über das richtige Licht zur richtigen Zeit und schüttelten die Köpfe über die monotone Aneinanderreihung von Akkorden. Zwischendurch fanden wir wieder schöne Plätze und ruhige Momente, an denen ich wieder in unterschiedliche Outfits schlüpfen konnte, um euch auf dieser durch und durch herbstlichen Z²-Tour auch tolle Eco Fashion für die letzten Monate in diesem Jahr zu zeigen. Im Gegensatz zu den bisherigen Touren mit René, die wir euch in verschiedenen Teilen präsentiert haben, gibt es diesmal die ganze Tour und damit auch alle Outfits auf einmal zu sehen, mit einer ausführlichen Beschreibung meiner persönlichen Zusammenstellung und der Marken in einem eigenen Outfit-Post.

Für unser erstes Outfit mit SIMÓN ESE, Lovjoi, Kings of Indigo und VEJA haben wir uns eine der wunderbaren und vor allem sonnendurchtränkten Liegen direkt am Ufer des Areals ausgesucht. An diesem noch frühen Nachmittag durchbrach die Sonne regelmäßig die vorüberziehenden Wolken und ließ so mich und das All Black-Outfit im richtigen Licht erscheinen. Diese typische Oktober-Wärme auf dem Gesicht und das Plätschern der Spree im Ohr lassen diesen Moment verweilen – und man kann verstehen, warum das Gelände und vor allem sein Ufer in den Plänen der neuen Eigentümer eine so zentrale Rolle spielen wird. Auch wenn es dem einsamen Angler nicht besonders gefallen wird.

Zum Outfit "Zwischen den Schloten"

Nachdem René und mir viele Türen an diesem Tag verschlossen blieben, konnten wir zumindest den Turm in Block A erklimmen. Nachdem wir die Eingangshalle passierten und uns zunächst gegen den Aufzug entschieden, guckten wir neugierig in die wenigen begehbaren und leeren Buroräume entlang des langen Ganges hinein. Am Ende angelangt, blieb uns nicht viel mehr übrig, als die 5 Stockwerke durch das alte und sehr heruntergekommene hintere Treppenhaus zu erklimmen. Ein idealer Schauplatz für einige Detailaufnahmen von unserem zweiten Outfit mit Thinking MU und Nudie, welches wir am Ufer schon einmal fotografiert hatten.

Zum Outfit "Kakteen im Treppenhaus"

Auf der vermeintlich höchsten Etage angekommen, schlenderten wir wieder einen sehr breiten Gang entlang, der in seinem Dekor noch sehr in den 1960er Jahren steckte – mit kleinen Erhebungen samt Geländer als Aufgang zu Büroräumen von ehemaligen leitenden Angestellten und Wandfüllenden Bildern und Gemälden. Am Ende dieses Ganges gelangten wir dann wieder zum vorderen Treppenhaus – Schauplatz für unser drittes Outfit mit Lovjoi, FUNKTION ƒ SCHNITT und Kings of Indigo und einem tollen unversperrten Blick über den Osten Berlins.

Zum Outfit "Der Himmel über Ost-Berlin"

Unser Tag neigte sich so langsam dem Ende entgegen, dabei wollten wir unbedingt noch das Außengelände vom Funkhaus Nalepastraße begutachten. Den großen Platz samt trockengelegtem Springbrunnen zwischen den verschiedenen Blöcken durchschritten wir, um zum östlichen Bereich der Gebäude zu gelangen. Dort parkte, wie es der Zufall so wollte und wie es bereits in unserer Kant-Garagen-Geschichte der Fall war, ein herrenloser VW, der nur darauf zu warten schien, von uns in Augenschein genommen zu werden. Wir verlangtem ihm allerdings noch viel mehr ab, schließlich musste er mich auf seiner Motorhaube aushalten, während René die letzten Aufnahmen des Tages für unser viertes Outfit mit NURMI, Knowledge Cotton Apparel, Lovjoi, SIMÓN ESE, FREITAG, Nudie und VEJA einfing – das aus meiner Sicht  allerallergrünste und auch allerallerbeste Grüne Mode Outfit seit dem Bestehen von Z².

Zum allergrünsten und allerbesten Grüne Mode Outfit seit dem Bestehen von Z²

Die Sonne ging langsam unter und die Dunkelheit wollte sich schon über das Areal legen. Die letzten Lichtfetzen wurden von uns noch eingefangen, bevor wir das Funkhaus Nalepastraße wieder verließen. Wir wussten ja, dass wir noch einmal wiederkommen würden, um bei Jana auf eine Bulette vorbeizuschauen.

Allen, die noch mehr über die weitere Entwicklung des Funkhauses Nalepastraße erfahren wollen, lege ich folgende Webseiten und Artikel ans schmöckernde Herz:

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger

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3 Kommentare

  1. Pingback: GROSSARTIG | Lovjoi's eco-lifestyle Blog

  2. Kai Ludwig sagt

    Bin gerade auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht worden …

    Viel herauszufinden war in Bezug auf den Block E im letzten Herbst nicht. Von neuen Eigentümern war zumindest seinerzeit nichts bekannt, d.h. es sind (oder evtl. waren) nach wie vor jene, bei denen dieser Geländeteil seit der Aufteilung liegt, zu der es nach der unglaublich dilettantischen Verschleuderung des Objekts durch den Senat von Berlin gekommen war.

    Nach der „Entkernung“ vor mittlerweile zwei Jahren ist mit dem Block E nichts mehr passiert, und man munkelt, das Teilgelände solle nun in diesem Zustand verkauft werden. Was natürlich die Frage nach dem ganzen Sinn der Aktion aufwirft. Auch für das, was da vor zwei Jahren passiert ist, dürfte die Abbruchfirma nicht gerade wenig berechnet haben, und zumindest der Akustikausbau im Techniktrakt (E-T) hätte sich vermutlich noch nutzen lassen. Nun ist er eine vollends sinnlose Hülle, bei der mir schleierhaft ist, was sich damit noch anfangen lassen soll.

    Was mir am 2. Oktober auffiel, war die Dunkelheit, die im Block A herrschte. Da ist sicher nicht in kurzer Zeit ein großer Teil der Röhren kaputtgegangen, sondern die Leuchten gezielt abgeschaltet und nur noch eine Notbeleuchtung belassen worden. Wirkte besonders im Studiotrakt unangenehm, da fand man nun tatsächlich eine Endzeitstimmung vor.

    Ansonsten reagierte meine Begleitung erst erschrocken und dann zustimmend, als ich meinte, das Objekt erscheine mir mittlerweile als Mausoleum des sterbenden Mediums Hörfunk.

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