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Endzeit in Weißensee

In unserer Z²-Reihe haben René und ich Euch schon den ein oder anderen bekannten Ort von einer neuen Seite vorgestellt, etwa die ganz wunderbare Kantstraße im Berliner Westen. Wir entführten Euch aber auch zu eher unbekannten Orten, wie dem alten Grenzübergang Albrechts Teerofen. Die Sache mit diesen und weiteren besonderen Orten in Berlin ist, dass sie häufig gar nicht einmal so unbekannt sind. Das mussten wir auch während unserer letzten Tour feststellen – wobei uns das eigentlich von Anfang an bewusst war. So kreuzten sich unsere Wege auf dem Gelände der alten Ruine vom Kinderkrankhaus Weißensee mit anderen Entdeckungslustigen. Unserem Ansinnen, Euch diesen Ort auf unsere Art und Weise vorzustellen, tat dies aber keinen Abbruch.


Doch bevor wir Euch über das Gelände und durch die langen Gängen führen, stellen wir Euch Weißensee – Betonung bitte auf der dritten Silbe – vor. Der Bezirk im Norden Berlins grenzt an den Prenzlauer Berg und gehört zu Pankow. 1230 gegründet, bekam der Bezirk seinen Namen vom damals angrenzenden Weißen See. Vor allem in den 1910er bis 1930er Jahren etablierte sich Weißensee bei Filmbegeisterten. In den Weißenseer Filmstudios wurden zahlreiche Filme produziert, so auch der Filmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“. 1929 eröffnete zudem das Delphi seine Pforten. Traurige Bekanntheit erlangte der Bezirk 1943 durch ein Außenlanger des Kozentrationslagers Moringen für Jungen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging Weißensee in den sowjetischen Sektor über. Heute treffen sich viele am Milchhäuschen am Weißen See, chillen im Park oder springen bei schönem Wetter in das kühle Naß. An der trubeligen Berliner Allee tummeln sich viele Menschen und drücken sich durch die kleinen und großen Geschäfte.

Bei vielen in Vergessenheit geraten ist dabei das Gelände des ehemaligen kommunalen Säuglings- und Kinderkrankenhauses Preußen, kurz: Kinderkrankhaus Weißensee. 1911 an der Hansastraße eröffnet und auf 28.000 Quadratmetern mit mehreren Gebäuden verteilt, vegetiert das Kinderkrankenhaus Weißensee nur vor sich hin. Abriß verboten, da als Denkmal geschützt. Vernachlässigt durch den aktuellen Eigentümer, die MWZ Bio Resonanz GmbH, die auf dem Areal und in den alten Grundmauern Krebsforschung betreiben wollte. Davon ist seit der Schließung 1997 und dem Erwerb der Immobilie 2005 nichts zu sehen. Hinter dem hohen Bauzaun und direkt neben einer Sportanlage steht das Kinderkrankenhaus nun vor sich hin und bietet sich nur noch als fotografisches Objekt an.

René und ich erkunden das Gelände mit der geboten Vorsicht, laufen dabei einem Paar über den Weg und einer kleinen Touristengruppe, aber genauso einem jungen verträumten Teenager mit Piercing in der Lippe und einigen weiteren Emo-Anleihen. Unsere mit Abstand beste Bekanntschaft machen wir allerdings mit einem jungen Mann, der die 20 Jahre noch nicht ganz erreicht hat:

Er: Entschuldigen Sie? (Die Frage kommt von oben rechts)
Wir: Ja? (René macht gerade Aufnahmen von mir in einem Durchgang)
Er: Wissen Sie, ob hier Polizei ist?
Wir: Ne, wissen wir nicht. Wieso? (nach oben rechts, in ein Nachbargebäude, sprechend)
Er: Ich würde hier gerne was kaputtmachen!
Wir: Kaputtmachen? Was denn? (sehr irritiert den jungen Mann ansehend)
Er: Fenster! Haben Sie hier schon ganze Fenster gesehen?
Wir: Äh … ne. Aber du wirst bestimmt welche finden! (stirnrunzelnd)
Er: Ja, bestimmt. Danke. Schönen Tag noch.

Später hörten wir zumindest einmal Glas zerspringen.

Zu meinem Outfit "Unterwegs" mit FREITAG

Nicht nur das Verfallene interessiert die Menschen am Kinderkrankhaus Weißensee, sondern auch die Kunst in den vier Wänden der verschiedenen Räume. Denn seit das Gelände sich selbst überlassen wurde, haben sich viele Graffiti-Künstler den freien Raum genommen und mit Farbe und Kunst versehen. So erstrahlen manche Räume in sattem Pink mit Herzen und lassen sich Wolken an einem blauen Himmel beim Vorbeiziehen beobachten. Oder auch Bananen über Bananen an der Decke begutachten. Hier ist alles möglich.

Zu meinem Outfit "Vom Vintage verweht" und meiner alten Levi's Jacke

Nach fast 2 Stunden im und um das Kinderkrankhaus Weißensee entschieden wir uns, noch zum Weißen See aufzubrechen. Rund um den See erstreckt sich ein kleiner Park, der an diesem Abend sogar noch gut besucht war. Von leichtem Hunger geplagt, steuerten wir das Milchhäuschen an, welches 1967 abgerissen und vollständig neu aufgebaut wurde. So sieht es dann (leider) auch aus: Außen hui, innen eher so Durchschnitt. Es hielt uns also nichts an diesem Ort, so dass wir unsere Seeumrundung noch abschloßen und geradewegs auf die Berliner Allee zusteuerten.

Da wir am 28.12. unterwegs waren, waren die Schleußen der Feuerwerksläden natürlich weit geöffnet. Alles, was auch nur irgendwie nach Knallern und Böllern aussah, wurde gekauft – selbst wenn es nur auf einem Shirt aufgedruckt war. Und das alles auf der Berliner Allee, vierspurig. Eine Lebensader, schon seit dem Mittelalter. Dort ist nicht nur ein Wohnhaus lokalisiert, in dem Bertolt Brecht zeitweilig wohnte, sondern eben auch eine ganze Armada an 1-Euro-Shops, Nagelstudios, Eisdielen, Nahkaufs und Imbissen. Der Magen knurrte noch, der Hunger war weiterhin vorhanden – und so kam es, wie es wohl kommen musste: René und ich landeten bei Konnopke’s Imbiß (sic). Eingerichtet wie ein American Diner und in der Tradition des Hauptstadt-Currywurst-Königs Konnopke ist der Imbiss etwas für wahre Feinschmecker: Hausgemachte Eintöpfe und Wurst satt werden den Hungrigen feil geboten. Hier ließen wir unseren Ausflug gebührend ausklingen, bevor es für uns wieder Richtung Heimat (Schöneberg und Neukölln) ging und wir das Jahr 2017 auch für Z² beschließen konnten.

Zum Outfit "Auf eine Wurst" mit FUNKTIONSCHNITT

 

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger

Mehr über das Kinderkrankhaus Weißensee:

Vergessene Orte: Kinderkrankenhaus Weißensee von Anne-Kathrin Heier
Das verlassene Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee von Fotograf Fritz

In dieser Episode werden meine eigenen Kleidungsstücke gezeigt sowie Produkte, die mir zum Testen zur Verfügung gestellt wurden.

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