Der Straßenstrich in der Kurfürstenstraße

Sie ist berühmt, sie ist berüchtigt und sie hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Die Kurfürstenstraße im Bezirk Tiergarten. Wenn ich zum Beispiel aus Kreuzberg mit dem Fahrrad Richtung Bikini Berlin oder auch an die UdK Berlin fahre, fahre ich automatisch die Kurfürstenstraße entlang. Immer dabei: die Gewissheit, auf dem bekanntesten Berliner Straßenstrich zu fahren, an dessen Seite vor allem Frauen stehen, die das zum Großteil nicht freiwillig machen. So zumindest meine Vorstellung. Dieser Berliner Straßenstrich hat eine lange Tradition, entstand er doch bereits in den 1960er Jahren und hält sich bis heute. Dabei ist er vielen Anwohner*innen immer häufiger ein Dorn im Auge, ist er für viele Stadtpolitiker*innen immer wieder Diskussionspunkt, wie man eigentlich mit diesem Gewerbe innerhalb der Stadt umgehen kann, ist er für viele Frauen vor allem aus Ungarn die zum Teil erzwungene Lebensgrundlage.

Der Streetworker Gerhard Schönborn erläutert den Wandel der Kurfürstenstraße in den letzten 20 Jahren im Interview mit tagessspiegel-Redakteurin Helena Piontek zusammengefasst wie folgt: In den 00er-Jahren noch stark von Drogen beeinflusst – also drogenabhängige Frauen, die anschaffen gingen, unter anderem auch, um den drogenabhängigen Freund mit zu versorgen – änderten sich „Angebot“ und „Nachfrage“. Für diese Änderung spielt die Weltmeisterschaft 2006 eine entscheidende Rolle. Immer weniger deutsche Prostituierten waren auf der Kurfürstenstraße zu finden, immer häufiger Polinnen und Tschechinnen, später bulgarische und rumänische Frauen. Aktuell ist der Straßenstrich fest in ungarischer Hand – nicht nur bei den am Straßenrand stehenden Frauen, sondern auch zumeist bei den Männern, die auf die Frauen „aufpassen“ (was nichts anderes heißen soll, als: die Zuhälter). Von der anfänglichen hauptsächlichen Freiwilligkeit des Gewerbes in den 1960er Jahren scheint heute, so Gerhard Schönborn, nur noch wenig übrig geblieben zu sein. Dabei betont Schönborn, dass es draußen – im Freien – häufig noch mehr Freiheit gäbe als in den meisten Bordells der Stadt. Die etwa 300 bis 400 Frauen, die an der Kurfürstenstraße zu unterschiedlichen Zeiten anzutreffen sind, machen nur einen Bruchteil der knapp 10.000 Prostituierten Berlins aus und sind oftmals besseren Bedingungen ausgesetzt als die Kolleginnen, die hinter verschlossenen Türen arbeiten.

Mehr Sicherheit dank Verrichtungsboxen?

Wie können die Bedingungen vor Ort für Frauen verbessert werden? Diese Frage stellt sich offensichtlich auch die Stadtverwaltung. Sie setzt, so Christian Latz von der Berliner Morgenpost, auf so genannte Verrichtungsboxen. Diese Boxen werden deutschlandweit erprobt und sollen, so die aktuellen Pläne, unter dem U-Bahn-Viadukt der Linie U2 am Bülowbogen stehen. Sie sollen einen sichereren Ort für die Frauen darstellen, und gleichzeitig die Prostitution aus dem Sichtfeld der Anwohner*innen schaffen. Dabei scheint meines Erachtens letzteres eine deutlich höhere Priorität bei der Stadtverwaltung zu haben, wurden die Verrichtungsboxen in anderen deutschen Städten vor allem dazu genutzt, das Gewerbe aus dem Stadtinneren zu verbannen und außer Sichtweite von Touristen und Anwohner*innen zu bringen.

Dabei sollte die Sicherheit der Frauen ein mindestens ebenso großen Wert darstellen. Saskia Etzold, stellvertretende ärztliche Leiterin der Gewaltschutzambulanz, berichtet in dem Artikel von Christian Latz eindringlich, wie häufig sie Sexarbeiterinnen vom Straßenstrich Kurfürstenstraße mit schweren Verletzungen, zugefügt von Freiern, behandeln müssen. Dabei handele es sich nicht um selbstbestimmte Frauen, die der Sexarbeit nachgehen, sondern um Frauen, die gezwungen werden, so Etzold im Gespräch.

Fotoserie „Kurfürstenstraße“ von Kathrin Tschirner

Ein ausführliches fotografisches Porträt der Kurfürstenstraße liefert die Fotografin Kathrin Tschirner. Sie lebte selbst auf der Kurfürstenstraße und arbeitete im Frauentreff Olga, einer Anlauf- und Beratungsstelle für drogenkonsumierende Frauen, Trans*frauen und Sexarbeiterinnen an der Kurfürstenstraße.

Wie in einem Kaleidoskop bringt die Serie unterschiedliche Realitäten des heterogenen Zusammenlebens auf der Kurfürstenstraße zur Anschauung. Die Kamera Tschirners nähert sich diesem Mikrokosmos in einem Spiel von An- und Abstoßung, das das Leben und die Geschichten der Frauen und Männer auf der Kurfürstenstraße in ihrer Ambivalenz abbildet: Der Blick der Frauen, der des Umfeldes und die Erfahrungen der Fotografin bilden Fragmente, die sich immer wieder neu zusammensetzen und andere Bedeutungsformationen ergeben. Tschirner hat diese vielschichtigen Momente aufgespürt und jene Ausschnitte festgehalten, die aus dem Alltag raustreten

Lena von Geyso, Kuratorin
Foto aus der „Kurfürstenstraße“ von Kathrin Tschirner

Kathrin Tschirners Fotos ermöglichen, den sonst so flüchtigen Momenten des Vorbeifahren oder -gehens auf der Kurfürstenstraße und den sich festsetzenden Vorurteilen gegenüber den Sexarbeiterinnen und ihrer Situation, einen differenzierteren Einblick in diesen menschlichen Kosmos zu bekommen und sich intensiver mit dem Schicksal von Menschen zu beschäftigen, die mehr sind als nur ein Körper, der am Straßenrand steht.

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger (außer abschließendes Foto: Kathrin Tschirner)

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