Wann warst du das letzte Mal bei Regen im Wald? Hanno auf dem Heidschnuckenweg

Wann bist du das letzte Mal im Wald spazieren gewesen? Wann in einem See gesprungen? Wann hast du auf einer Wiese gepicknickt? Für all das musst du nicht weit reisen, Naturerlebnisse liegen direkt vor der Haustüre.

Es ist Montag. Ich steige in die S3 in Altona und fahre bis Hamburg-Fischbek. Dort beginnt der Heidschnuckenweg, eine 223 Kilometer lange Wanderroute durch die Lüneburger Heide, die über Soltau bis Celle führt. Am liebsten wandere ich los ohne viel zu planen. Fitness, Schwierigkeit und Hightlights der Strecke, Wetter – es gibt so viele Dinge, die Einfluss darauf haben, wie lange man an einem Tag laufen will. Allerdings gibt es nicht in regelmäßigen Abständen Unterkünfte. Insbesondere in Ferien können Betten schnell ausgebucht sein. Also habe ich Unterkünfte vorab gebucht, das entspannt beim Wandern. Eine Tagesstrecke von 15 Kilometer ist gemütlich, 30 Kilometer sind sportlich-ehrgeizig. In einer Stunde läuft man etwa 5 Kilometer. Spätestens nach 3-4 Stunden werden die Beine müde.

Durch das erste Heidefeld

Meine erste Etappe führt bis Dibbersen. Zu Beginn, direkt hinter Fischbek, laufe ich durch das erste Heidefeld. Ich habe das Gefühl in einem südfranzösischen Lavendelfeld zu stehen: alles blüht lila. Warum bin ich hier nicht schon früher gewesen? Keine Stunde von meiner Wohnung entfernt. Die Heide ist kein zusammenhängendes Stück Kulturlandschaft, sonder besteht aus kleinen und großen Flächen, getrennt von Feldern, Wäldern, Dörfern und Straßen. Schafen begegne ich nicht, dafür treffe ich Kamele und laufe durch dichte Wälder und vorbei an Sonnenblumenfeldern. In Dibbersen übernachte ich in einer Privatbrauerei (Frommanns Landhotel) mit Kegelbahn und Schwimmbad. Zweimal verlaufe ich mich in den langen Gängen mit roten Teppichen. Es gibt kaum etwas, das besser schmeckt als ein frisches Bier nach fünf Stunden Wanderung. Bewegung ist der beste Geschmacksverstärker, alles schmeckt einfach unglaublich gut.

Am nächsten Tag laufe ich über dichte Waldwege, vorbei an Seen bis Handeloh. Ich komme immer wieder an kleineren Heideparzellen vorbei. Wenn ich alleine unterwegs bin, mache ich meistens einmal am Tag 20-30 Minuten Pause. Heute sitze ich auf einer Bank auf dem Brunsberg, einem kleinen Hügel, umgeben von Heide und mit Weitblick über die Wälder. Bananen, Nüsse, Müsliriegeln und Wasserflasche habe ich immer dabei.

Modern Talking-Saxophon-Cover-Musik

Ein für mich unerwartetes Highlight sind die Unterkünfte. Sie wirken wie ein Katapult in eine andere Welt. Meine zweite Nacht im Hotel Fuchs (Handeloh), einem – für die Saison – viel zu großem Hotel mit riesigen, verschachtelten Speisesälen, Messingfensterrahmen mit weißen Gardinen und Geranien auf Waschkiesmauern vor dem Eingang, Modern Talking-Saxophon-Cover-Musik auf den Toiletten sowie einer hölzernen Judboxen in einem der Zwischengänge. Ich schicke einer Freundin ein Foto von den langen Gängen. Das erinnert sie an den Film Shining. Meine dritte Unterkunft (Witthöft’s Gästehaus in Wilsede) wirkt wie ein englisches Jagdhaus mit dunkelgrüner Tapete und Buchenholzvertäffelungen, unzähligen Hirschgeweihen und uniformierten Reiterillustrationen sowie Landschaftsgemälden in den Fluren. Sogar eine Bibliothek gibt es. Man muss in den Hotels nichts Besonderes sehen, für mich sind sie kleine, lebendige Museen. Jedes ein Unikat.

Tag drei: Ich laufe bis Wilsede, über den größten Abschnitt der Lüneburger Heide. Heute war ein windiger, sonniger Tag und gleich zu Beginn, mitten im Wald, regnet es. Wir sind es nicht gewohnt bei Regen draußen zu sein. Regen ist gut für den Garten, wir aber fliehen oder schützen uns vor ihm.

  • Wann warst du das letzte Mal bei Regen im Wald?
  • Wie klingen zehntausend Bienen, wie Wind im Birkenwald?
  • Weißt du, wie eine nasse Heide in der Sonne riecht?
  • Welche Tiere und Pflanzen kennst du, die an Rändern von Wegen stehen?

Unwichtige Fragen, vielleicht. Aber heute, hier draußen, erhalte ich Antworten. Ich spüre den Wind, Sonne, Regen, rieche Blumen und Wälder, streichel Tiere und begutachte Pflanzen.

Ich möchte allein sein

Dem Ort Undeloh sieht man seine Ausrichtung auf den Tourismus an: Souvenir-Shops, Cafés, Reisebusse, Hotels und Kutschfahrtgeschäfte. Ich mag Streckenabschnitte nicht, die zu voll sind. Ich möchte allein sein. Andererseits hat man hier die Gelegenheit einzukaufen, Kaffee zu trinken oder was warmes zu essen. Vorbei an zahlreichen Pferdekutschen endet mein Tag in Wilsede. Das Dorf besteht aus Pflastersteinen und uralten Höfen. Ich habe das Gefühl in der Kulisse eines mittelalterlichen Ritterfilms zu stehen. Gleich könnte ein Schuldeneintreiber um die Ecke reiten.

Ich laufe nicht den ganzen Heidschnuckenweg, sondern nur die erste Hälfte bis Soltau. Etwa 120 Kilometer. Das schaffe ich gemütlich in fünf Tagen. Meine letzte Übernachtung ist in Bispingen, ebenfalls ein touristischer Ort, südlich der Heide. Gegen Mittag rollt ein Unwetter aus von Westen an. Sturm, Starkregen und Hagel sind angekündigt. Wetterberichte und Regenradar checke ich immer morgens und abends. Schon vor dem Frühstück packe ich und laufe um 8.30 Uhr los. Ich mache keine Pause und bin vier Stunden später in Soltau. Lange Wanderrouten bieten nicht auf jedem Abschnitt spektakuläre Higlights und Abwechslung. Die zwanzig Kilometer bis Soltau führen an Autobahnen vorbei und über den Parkplatz vom Heidepark Soltau – ein skurriler Eindruck, wenn man tagelang alleine durch die Natur läuft, Podcast hört und nachdenkt. Klar, ein paar schöne Ecken sind auch dabei, aber hier überbrücke ich etwas. Schlimm ist das nicht, denn Wandern besteht für mich zum einen aus Eindrücken der Umgebung und zum anderen aus dem, was in meinem Kopf passiert – Gefühle und Gedanken.

Dieselbe Strecke, doch ganz anders

Ich beende meine Reise vor dem Regen und bin nach 1,5 Stunden zurück in Hamburg. Der Zug fährt durch viele Orte, durch die ich gelaufen bin. Dieselbe Strecke, doch ganz anders. Alles zischt vorbei. Anhalten kann ich nicht. Wie anders ich Distanzen wahrnehme, wenn ich sie selbst überwinde – fünf Tage versus 1,5 Stunden. Auch ein Erfahrung. Ein von vielen.

In unserer Reihe begleiten wir Hanno ab sofort bei seinen Outdoor-Aktivitäten und zeigen euch tolle und abwechslungsreiche Möglichkeiten „um die Ecke“, neue Abenteuer entdecken zu können.

Hanno Groth aus Hamburg | GROSS∆RTIG

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