Reden wir über Arbeits- und Berufsbekleidung sowie wandelbare Mode – mit Carlos Hirsch von IND-Berlin

Wenn wir über die Modeindustrie sprechen, dann meinen wir damit vor allem Kleidung, die wir als Konsument*innen am Wochenende in Läden oder online selbst kaufen. Doch zur Modeproduktion gehört auch der Bereich der Arbeits- und Berufsbekleidung. 2017 war diese der große Wachstumsmotor der deutschen Modeindustrie, mit einem Plus von fast 22 Prozent. Der Bruttoumsatz dieser Textilsparte lag 2017 bei über 1 Milliarde Euro und machte dabei knapp 8 Prozent der gesamten deutschen Modeindustrie aus. Ein signifikanter Anteil. Und doch reden wir viel zu selten über Arbeits- und Berufsbekleidung, wenn wir die Missstände in der konventionell produzierende Industrie anprangern – oder Alternativen aufzeigen. Eine solche möchte ich euch heute vorstellen: IND-Berlin!

Individuelle Uniformen von IND-Berlin

IND-Berlin fertigen seit 2016 individuelle Uniformen an. Initialer Anreiz für das Unternehmen: Es gab keine vergleichbaren Produkte am Markt, keine nachhaltigen Kleidungsstücke gepaart mit einem individuellen Design. Zu ihren Kunden zählen vor allem Hotels, wie etwa das SOHO House Berlin, AMERON Hotels, about:Berlin (Savoy) oder das Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin. Doch IND-Berlin ist mehr. Bereits 2014 gegründet, verfolgt das Label den Gedanken der Wandelbarkeit. Jedes Kleidungsstück kann bei IND-Berlin auf mindestens zwei Arten getragen werden. Dadurch entsteht nicht nur mehr Platz im Kleiderschrank, sondern man kann auch aktiv dem großen Problem der Ressourcenverschwendung in der Modebranche vorbeugen.

Mit Carlos Hirsch hatte ich die Gelegenheit, ausführlich über das in Berlin ansässige Unternehmen zu sprechen.


Carlos Hirsch von IND-Berlin

F: Lieber Carlos, was bedeutet für euch Wandelbarkeit?

A: Wandelbare Mode bedeutet für uns, dass jedes Kleidungsstück auf mindestens zwei Arten getragen werden kann. Wir bieten Wendejacken, 2-in-1 Röcke, Wendekleider etc. an. So kreieren wir eine neue Art von Nachhaltigkeit: insgesamt weniger Kleidung besitzen und diese dann aber unterschiedlich tragen können.

F: Gab es bereits die Gelegenheit, dieses B2C-Prinzip auch auf die Produktion der Uniformen im B2B-Geschäft zu übertragen?

A: Für das about:Berlin Hotel haben wir genau das realisiert. Zum Beispiel durch unsere Tropical Wendejacke: eine Seite tropisch, die andere Seite dunkelblau Denim. Als T-Shirts tragen die Mitarbeiter*innen unsere Detail-Shirts, die entweder als Basic oder mit fancy Muster am Armsaum getragen werden können.

Die Idee hinter der Wandelbarkeit bei Uniformen ist zum einen die Einzigartigkeit in der Kleidung an sich und zum anderen ein einfacher Wechsel zwischen den verschiedenen Abteilungen.In der Rezeption wird z. B. die tropische Variante getragen und im Service die schlicht dunkelblaue. Ein einfacher Wechsel, ohne sich komplett umziehen zu müssen.

F: Bei der Auswahl der Produktionsstätte war euch der Sitz in Europa wichtig. Häufig wird für die Begründung der Standortwahl angegeben, dass kurze Wege von Vorteil sind. Durch viele Dokumentationen wissen wir aber auch, dass der Produktionsstandort Europa nicht per se faire und soziale Produktionen sichert. Ihr selbst lasst in Estland produzieren. Wie stellt ihr sicher, dass dort alles gut läuft?

A: Mit der Produktionsstätte in Estland arbeiten wir jetzt seit circa einem Jahr zusammen. Der Hauptgrund dafür war unserer Umzug von unserer Pop-up Box im Bikini Berlin in unseren eigenen Shop mit deutlich größerer Fläche. Diese haben wir Verkaufsfläche und Atelier geteilt. Vor dem Umzug in unseren Shop haben wir noch jedes Kleidungsstück im Atelier genäht. Durch die große Nachfrage war das dann aber nicht mehr möglich. Auf die Produktionsstätte wurden wir aufmerksam durch unseren Auftritt bei „Das Ding des Jahres“. Hier haben wir unseren multi-funktionellen TWOCK (Tasche, Weste & Rock in einem) vorgestellt.

Die Herausforderungen der Standortwahl für die Produktion

Kurz nach der Ausstrahlung wurden wir von verschiedenen Produktionsstätten weltweit angeschrieben, ob wir Lust auf eine Kooperation hätten. Letztendlich haben wir uns für Estland entschieden. Die Gründe dafür waren hauptsächlich, dass die Qualität wirklich sehr gut ist, das Unternehmen sich sehr transparent präsentiert hat und der Transportweg nach Deutschland relativ kurz ist. So kann man z. B. die Jahresabschlüsse der letzten Jahre einsehen und Informationen zu Steuern, Mitarbeitergröße, Wachstum etc. einholen. Aber auch der Fakt, dass Estland ein vollwertiges EU-Mitglied ist, hat uns überzeugt. Des Weiteren hatten wir von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis mit der Direktorin Katrin. Mit ihr haben wir täglich Kontakt und es ist schon fast eine Art Freundschaft daraus entstanden.

Du hast aber natürlich Recht, wenn du sagst, dass es auch in der EU schlechte Arbeitsbedingungen gibt. Es ist schwierig, eine 100-prozentige Sicherheit zu garantieren. Wir sind aber auch davon überzeugt, dass die Arbeitsbedingungen prinzipiell in EU Ländern besser überwacht werden als in Asien. Nebenbei sei auch erwähnt, dass wir nicht gerade wenig Geld zahlen für die Produktion. Weil unsere Kooperation noch recht frisch ist und wir durch den Umzug viel Arbeit haben, hatten wir leider noch nicht die Möglichkeit nach Estland zu reisen. Das ist allerdings für dieses Frühjahr fest eingeplant.

F: Ihr bezieht eure Materialien aus dem europäischen In- und Ausland, vor allem Italien, Holland und Deutschland. Welche Materialien bezieht ihr von wem woher?

A: Wir beziehen alle unsere Stoffe von europäischen Lieferanten, allen voran Deutschland, Holland und Italien. Unsere Bio-Baumwolle beziehen wir aus Deutschland und Holland; aus Italien beziehen wir hauptsächlich Viskose, Elasthan und Modal. Der holländische Lieferant ist ein größerer namenhafter Produzenten, welcher seit 1850 Textilien vertreibt. Auf Nachfrage nach dem Herkunftsland der Baumwolle wurde uns die Türkei genannt und dass man die Produktionsstätte mehrere Male im Jahr besuche. Des Weiteren sind die Lieferanten OEKO-Tex 100 zertifiziert. Zurzeit umfasst der Bio-Baumwollanteil unserer Kleidung um die 40 Prozent. Diesen Anteil möchten wir in diesem Jahr weiter ausbauen.

F: Wie habt ihr es ins Bikini Haus geschafft?

A: Wir sind nicht von 0 auf 100 direkt in unseren eigenen Shop ins Bikini-Berlin gezogen. Zuerst haben wir im Erdgeschoss die Boxen 8 & 9 und danach Box 1 bezogen. Da das Bikini Berlin eine innovative Shopping Mall ist, passen wir sehr gut hier rein und die Kunden – Menschen aus aller Welt – haben sehr positiv auf unsere Idee der Ressourcenschonung durch die Wandelbarkeit reagiert.

Von der Box in den eigenen Laden

Nachdem unser Mietvertrag für unsere letzte Box 1 auslief, haben wir uns dazu entschlossen, in unseren eigenen Shop zu ziehen. Warum? Vor IND-Berlin haben ich mehrere Jahre in einem Fin-Tech Start-Up (100 Mitarbeiter*innen am Ende) im Bereich Key Account gearbeitet. Das war sehr hilfreich, um mein Wissen in Bezug auf Wachstum und Skalierung von Produkten bei IND-Berlin anzuwenden. Der nächste Schritt für mehr Wachstum war logischerweise der riskante Schritt in unseren eigenen Laden mit unserer Mode sowie der Arbeits- und Berufsbekleidung.

F: Die meisten Uniformen bzw. Outfits entstehen bei euch aus einer Kombination aus Produkten eurer Lieferanten als auch aus Produkten, die ihr speziell für die Kunden entwerft und produziert. Wie muss ich mir das genau vorstellen? Wie achtet ihr hier auf Nachhaltigkeit?

A: Jeden unserer Hotelkunden beliefern wir mit der Arbeits- und Berufsbekleidung komplett ohne Plastikverpackung. Und auch mit so wenig Verpackung wie nur möglich. Das ist ein wichtiger Teil der Nachhaltigkeit in der Lieferkette. Außerdem liefern wir langlebige und hochwertige Produkte, die lange halten. Auch dies spiegelt die Nachhaltigkeit wider.

Für unser letztes Projekt – about:berlin (Savoy) – haben wir wie eingangs schon erwähnt unsere Wandelbarkeit in die Uniformen mit einfließen lassen. Für die wandelbaren Uniformen haben wir die Schnitte angefertigt, Stoffe rausgesucht und die Stücke zum Teil bei uns im Atelier hier in Berlin angefertigt und zum Teil in Estland. 

Der ideale Mix für Arbeits- und Berufsbekleidung

Bei Produkten, die wir nicht selbst machen können, wie z. B. Gürtel und Schuhe arbeiten wir mit Lieferanten zusammen, die in ihrem Bereich sehr stark sind und uns versichern, dass sie uns qualitativ hochwertige und unter menschenfreundlichen Bedingungen angefertigte Produkte liefern.

Wie auf der Webseite beschrieben ist es in den meisten Fällen ein Mix zwischen Produkten von uns und Produkten unserer Lieferanten. Durch das stetige Wachsen unserer Kollektion und Pieces integrieren wir aber immer mehr Produkte von uns. Vor Kurzem wurden wir z. B. von einem alten Hotelpartner angeschrieben, ob wir nicht Lust hätten dieses Jahr eine Restaurant-Neueröffnung in Berlin-Mitte mit wandelbaren Uniformen auszustatten. Hier brainstormen und entwerfen wir zurzeit Kleidungsstücke, die nicht nur gut aussehen, sondern auch eine gewisse Funktionalität mit sich bringen. Unser Ziel für dieses Jahr ist ganz klar noch mehr von unseren Produkten einfließen zu lassen und die Produktionskette so kurz wie möglich zu halten.

F: In der Auseinandersetzung mit eurer Idee ist mir aufgefallen, dass euer erstes Treffen mit Kunden kostenlos ist und ihr auch erste Designvorschläge kostenlos präsentiert. Der Kunde zahlt erst, wenn er ein Musteroutfit für die Arbeits- und Berufsbekleidung auch in Auftrag gibt. Wieso habt ihr euch dafür entschieden, in eine solche – aus meiner Sicht große – Vorleistung zu gehen?

A: Wir finden, dass viele Unternehmen es verlernt haben, was es heißt, seine Kunden und Partner glücklich zu machen. Wir möchten komplett Kunden und Partner zentriert arbeiten. Denn gerade als aufsteigendes Modelabel leben wir von unserer Kompetenz und Qualität. Wir nutzen die ersten Treffen zum Kennenlernen und zum Überzeugen. Alles ohne Druck und ohne Verbindlichkeiten.

Was uns außerdem immer klarer wurde: Die Hotels möchten einen Partner an ihrer Seite, welcher auch noch erreichbar ist, wenn die finale Bestellung bereits aufgegeben wurde. Sie möchten, dass wir ihnen die Arbeit abnehmen, sie beraten und immer da sind, wenn mal Hilfe ansteht – und das machen wir gerne! Bislang wurde aus jedem Treffen außer einem schlussendlich auch ein neuer Auftrag.

F: Danke, Carlos, für das Interview.

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: IND-Berlin

Schreibe einen Kommentar