Grüne Mode
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Die Crux mit der Transparenz – Meinungen über das neue Portal „Siegelklarheit“

Habt ihr schon von Siegelklarheit gehört? Das neue Verbraucherportal von Bundesregierung und BMZ gibt es seit Ende Februar. Es soll für Konsumenten mehr Übersicht bieten, welche Zertifikate und Siegel ökologisch einwandfreie und sozial verträglich produzierte Mode sicherstellen. So weit, so gut – allerdings gab es in den ersten Wochen nach der Veröffentlichung schon deutliche Kritik.

»Zu unübersichtlich, zu intransparent, zu unbekannt lauten die häufigsten Kritikpunkte«

Vor allem den Kritikpunkt, die Seite sei noch zu unbekannt,  kann ich bestätigen, wenn ich meinen Freundes- und Bekanntenkreis als Referenz nehme. Keiner, der sich nicht für nachhaltige Mode und Bekleidung interessiert, kennt – knapp vier Wochen nach der Veröffentlichung – die Plattform, obwohl sich Siegelklarheit genau an solche „unwissenden“, aber interessierten Konsumenten richtet oder richten sollte. Zwar ist das Informationspaket, welches ich per Post vom BMZ bekommen habe, informativ und auch gut sowie zeitgemäß aufbereitet, aber die flächendeckende Kommunikation über das Portal, welches Teil der Gesamtstrategie der Bundesregierung zu Nachhaltigkeit ist, scheint zu stocken.

Anlass für mich, einige Freunde, Bekannten und Kollegen zu Wort kommen zu lassen, die sich Siegelklarheit einmal genauer angesehen haben. Alle hatten die Freiheit, die Länge ihres Beitrags selbst zu wählen und in unterschiedlicher Tiefe das Portal zu bewerten. Daraus entstand aus meiner Sicht ein guter Überblick des aktuellen Meinungsspektrums in der Diskussion über das Portal.

Kirsten Brodde

Greenpeace, Grüne Mode

„Für Konsumenten ist es schwierig, die Güte eines Siegels zu beurteilen. Die neue Seite ‚Siegelklarheit‘ bringt aber aus meiner Sicht nicht genug Trennschärfe, was einzelne Zeichen leisten und wo ihre Limits sind. Dazu hat dem Ministerium die Traute gefehlt.“

Enrico Rima

Lebenskleidung

First of all: Gut das es die Seite gibt, endlich auch von Regierungsseite. Auch gut für uns. Kann man wissbegierigen Kunden senden. Wichtig wäre jetzt: Wie wird das promoted? Über Anzeigen, Social Media, Werbung? Die Webseite gefällt mir ganz gut und ist grundsätzlich übersichtlich, auch ganz ansprechend designt. Ob die Vergleichsparameter der Siegel alle so stimmen, kann ich so auf die Schnelle nicht beurteilen. Wenn die aber stimmen, sind sie sehr detailliert. Für den Normalverbraucher sogar viel zu detailliert. Aber lachender und weinender Kopf: Eine gute Idee, um es auf einen ersten Blick anschaulich zu machen. Was mir noch aufgefallen ist: Das Puzzle zum Einprägen der Siegel gefällt mir als pädagogische Maßnahmen. Die App zum Scannen ist ebenfalls super! Dass die Bereiche Food, Papier und Holz folgen sollen ist auch juti! Die Firmenliste muss natürlich deutlich ausgebaut werden, aber man kann ja andere Firmen melden die dafür in Frage kommen. Wie intensiv die dann geprüft werden und anhand welcher Parameter ist nochmal eine andere Frage (siehe Adidas, nachhaltigere Baumwolle von BCIS oder Vaude mit dem eigenen Siegel „green shape“). Also so far bin ich ganz zufrieden, dass es die Seite gibt und vernünftig und ansprechend umgesetzt wurde, denn so eine detaillierte Seite war vorher nicht vorhanden oder sehr schwer zu finden.“

Bernd Hausmann

Glore

„Ein gewisses Fremdschämen ist bei Initiativen der Bundesregierung oder der Bundeszentralen immer dabei. Aufklärungskampagnen zu Themen wie Alkohol, AIDS und jetzt eben Textilproduktion sind sicherlich gut gemeint, aber wie ich finde, meist weder gut gemacht noch überzeugend umgesetzt. Allgemein verwundert mich bei den Bemühungen des BMZ und Herrn Müller, dass sie immer noch glauben, aus bösen Wölfen liebe Schäfchen machen zu können. Die Textilindustrie und ihre Global Players werden sich von innen heraus nicht ohne Gesetze verändern und in die richtige Richtung bewegen. Ähnlich der Lebensmittel-, Atom- oder Autoindustrie wird auch im Textilbereich die in Jahrzehnten gewachsene Struktur der Ausbeutung von Menschen und der Zerstörung der Natur nicht durch eine Initiative verändert werden. Der Weg muss sein die Großen kleiner zu machen und die Kleinen grösser. Es müssen die Kräfte unterstützt werden, die schon heute einen anderen, besseren Weg gehen. Sie müssen im harten Wettbewerb um Meinungen und Kunden gestärkt werden. Das der neoliberale Herr Müller von den großen Textilverbänden und den großen Marken im Stich gelassen wird entbehrt nicht einer gewissen Komik. Er muss sich jetzt mit den Schäfchen an einen Tisch setzen. Mit der Kampagne für saubere Kleidung und vielen anderen sitzen die richtigen Initiativen und NGOs am Tisch. Ich wünsche mir von ihnen, dass sie nicht um Fördergelder buhlen, sondern elementare Veränderungen erreichen wollen. Den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen, halte ich für falsch. Existenzsichernde Löhne, der GOTS Standard und die Forderungen von Greenpeace in ihrer Detox-Kampagne müssen jetzt umgesetzt werden.“

Markus Beck

Greenality

„Faire und ökologische Standards sollten im Jahr 2015 eigentlich schon längst zur Norm gehören. Die gefühlt 5.000 Siegel, die es momentan gibt treten aber leider den Gegenbeweis an.  Da auch ich nicht jedes Siegel kenne und ich ein positiv optimistischer Mensch bin, stehe ich der Seite erst einmal wohlwollend gegenüber. Nur sollte man das Ziel eines starken und bekannten Textil-Siegels nicht aus den Augen verlieren. Von daher: Alles wird gut.“

Lars Wittenbrink

Grüne Wiese Münster, Grüne Mode

„Gut gewollt, aber miserabel umgesetzt. Auf dem Portal wirken CmiA und BCI wie gute und verlässliche Textilsiegel, obwohl sie nur Baumwolle zertifizieren und auch da weder für wirklich umweltverträglichen Anbau, noch für faire Arbeitsbedingungen stehen. Statt Klarheit zu schaffen, werden so die wenigen Eindeutigkeiten im Textilsiegeldschungel noch vernebelt. Die Bezugsquellenliste mit Links zu h&m, C&A und Tchibo sendet gar die Botschaft: Wenn ihr bei diesen Discountern kauft, seid ihr schon auf dem richtigen Weg. Das ist absurd. Generell fehlt dem BMZ die Bereitschaft der Industrie wirklich etwas abzuverlangen. Freiwillige Selbstverpflichtungen sind der Massivität der sozialen Ausbeutungsverhältnisse und der Schwere der ökologischen Schäden in der textilen Produktionskette nicht angemessen. Wir brauchen einen Wandel in der gesamten Branche und nicht kleine Schritte von einigen wenigen Anbietern. Internationale Ecofashion-Labels, mehrere starke Jeansmarken und eine Reihe Outdoorbekleidungshersteller zeigen längst, dass eine menschenwürdige und saubere Produktion problemlos mit modernen modischen und funktionalen Ansprüchen zu vereinbaren ist.“

Michael André Ankermüller

Blog Bohème
„Siegelklarheit ist eine tolle Sache, steht auf der Seite des Konsumenten und verschafft mehr Transparenz in der weiten Welt der Siegel… Wie heißt es so schön – „(…) nicht überall wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin“. Gut, dass man mit Hilfe von Siegelklarheit ab sofort sich ein Stück mehr auf gewisse Siegel verlassen kann. Auch wenn eine 100 % Transparenz meiner Meinung nach ausgeschlossen ist. Aber es ist auf jeden Fall der richtige Schritt in die richtige Richtung.“

Jen Brune

Modeaffaire.de

„Ein guter erster Schritt in die richtige Richtung,  aber es entlässt den kritischen Konsumenten nicht aus der Verantwortung sich weitergehend zu informieren, da die Informationen zu den Siegeln irreführend sein können, weil die Unterschiede zwischen durch und durch grünen Labels und denjenigen, die erst am Anfang des Weges zur nachhaltigen Mode stehen, nicht klar ersichtlich sind.“

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