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Zahn und Zieger auf Tour durch Berlins »Chinatown«

Berlin hatte im Vergleich zu anderen Metropolen wie San Francisco, London oder auch Amsterdam nie wirklich eine eigenständige »Chinatown«. Doch auf der Kantstraße gab es bereits seit den 1920er Jahren viele chinesische Geschäfte. Bis heute. Begebt euch demnach auf eine wirklich sehenswerte und vor allem leicht angeschwipste Tour mit durch Berlins »Chinatown« – in unserem dritten und letzten Teil der Kantstraßen-Reihe.

Wie schon in »Shines bright like a Juwel« blicke ich noch einmal kurz zurück, bevor ich euch durch »Chinatown« geleite. René und ich haben euch in der letzten Folge ja am Amtsgerichtsplatz entlassen. Wir waren nach dem Shoot vor dem Quentin Boutique Hotel auf dem Weg, die Kantstraße gemeinsam mit unserem Flaschenpfandsammlerfreund wieder Richtung Zoo hinunter zu fahren. Dabei kreuzten noch die ein oder anderen, im wahrsten Sinne des Wortes, bunten Vögel unseren Weg. Doch nicht nur die beiden älteren Semester – ihr werdet sie noch kennenlernen – zeigten, dass die Kantstraße wie eh und je von ihrer Vielfalt lebt. Nicht nur trifft mondäne Einkaufskultur am einen Ende auf klobigen Messebau am anderen Ende. Es treffen eben auch Menschen aufeinander, deren Leben sich womöglich nur in den wenigen gemeinsamen Sekunden auf der Kantstraße kreuzen – und ansonsten nie wieder. Es geht ihnen also wie uns, die auf der nachmittäglichen Tour versuchen, in diese Leben einen Einblick zu bekommen.

Wie schon auf dem Hinweg kreuzten wir wieder die Wilmersdorfer Straße. Dieses Gewusel in der Fußgängerpassage ist so typisch für Berlins Einkaufsmeilen, die sich in jedem Stadtteil auf die ein oder andere Weise wiederholen und austauschbar sind. Inklusive Primark-Einkaufstaschen voller Kleidungsstücke, die mehr Abfallprodukt als Fashion Statement sind. Oder beides. Ein Fashion Waste Statement. Und wo hätte ich besser sitzen können als genau in der Mitte dieser Szenerie, um euch mein letztes Outfit der Tour zeigen zu können? Ein anständig angezogener junger Mann kontrastiert die Esprit-McDonalds-1Euro-Laden-Konsum-Klaviatur und zieht ungläubige Blicke auf sich, weil ein anderer anständig angezogener Mann mit einem Objekt um ihn herum tigert, um das richtige Licht und den rechten Moment einzufangen.

Ich saß da auf der Ampelumrandung aber nicht alleine. Mit mir hatte ich die bärtige Illustration aus der Hand von David Despau, die ich auf der PREMIUM in diesem Jahr entdeckt habe. Realisiert hat er das Shirt für Noble Project, die ich euch schon desöfteren wärmstens ans Herz gelegt habe. Noch immer freue ich mich sehr darüber, dass das anfängliche Charity Label sich zu einem eigenständigen Label weiterentwickelt und deswegen auch mal an uns Männer denkt, die ab diesem Herbst zum ersten Mal die Gelegenheit haben werden, ein Shirt der Hamburger tragen zu können.

René und ich überzeugten uns nach unserer Tour noch persönlich von den Vorzügen der chinesischen Küche von Good Friends, die zum Beispiel einen vorzüglichen Schweinebauch zubereiten können.

Für die nächste und auch letzte Einstellung des Tages wollten wir wieder zum Anfang der Kantstraße zurückkehren. Unsere Blicke wanderten dennoch immer wieder an den Straßenrand, um vielleicht doch noch diesen einen Ort oder die eine Situation nicht ganz zu verpassen, die wir einfach wollten. So tauchten wir ein in die »Chinatown«. Wir streiften durch die »Kantonstraße«, wie der Abschnitt zwischen Savignyplatz und Wilmersdorfer Straße in Anspielung auf die chinesische Provinz Guangdong genannt wird. Die Tradition der Geschäftsansiedlung aus den 1920er Jahren wurde auch nach dem Ende des 2. Weltkrieges fortgesetzt. Auch wenn es im Gegensatz zu den großen Metropolen dieser Welt in Berlin nie das eine chinesische Zentrum gab und gibt, siedelte sich viele Chinesen mit ihren Geschäften in der Kantstraße an. Nicht nur der Einzelhandel, sondern auch Restaurants. Dort hängen schon einmal die Enten im Stück im Fenster und warten darauf, zubereitet zu werden. Die obligatorischen Winke-Kätzchen durften in den Schaufenster natürlich auch nicht fehlen.

Nicht minder interessant war das Geschehen auf der Straße. Neben betrunkenen Männern, die sich auf dem begrünten Mittelstreifen noch ein Wortgefecht mit dem an Krücken gehenden aber in diesem Moment sitzenden, übergewichtigen Besitzer eines Solariums liefern, gab es auch beschwipste Frauen, die sich beim Versuch des Hinsetzens auf einer Treppenstufe fast das Genick brachen. Dabei gab es doch nur ein Proseccöchen.

Diese Szenerie ereignete sich aber schon fast am Anfang der Kantstraße – und am Ende unserer Tour. Direkt am Zoologischen Garten, der S-Bahn-Station, lud uns die Großbaustelle am ehemaligen Erotik-Museum von Beate Uhse dazu ein, noch ein feines Jäckchen überzustreifen. Der Cardigan von Wunderwerk aus Düsseldorf, in Blau-Melange getaucht, besteht aus feiner und weicher Bio-Baumwolle und ist wieder ein Beweis für die ausgezeichnete Qualität, die das Eco-Label an den Tag legt. Lässt sich wie das T-Shirt von Noble Project sehr gut zu meiner Denim von Good Society kombinieren, die ich euch bei den »Riders of the Cork« vorgestellt hatte.

Während René sich für diese Aufnahmen waghalsig über die Baustellenabsperrung beugen musste und die Busse immer in Haaresbreite an ihm vorbeifuhren, durfte ich immer irritiert dreinblickend Menschen anlachen. Gute Jobaufteilung.

Nieselregen. Nix mit Sonne mehr. Die Heizungen werden langsam aufgedreht. Erst auf 2, dann auf 3. Das Wasser kocht für den Tee. Die Lookbooks der Herbst/Winter 2015/2016 Kollektionen trudeln ins Postfach ein. Schöne Aussichten – aber die Sonne und die Wärme, die sind weg. Kein Spätsommer. Eher Frühherbst. Die nächste Tour dann mit Regenjacke. Mit Schal und Mütze, vielleicht. Doch wo und wann? Wir werden sehen.

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger

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