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Let’s kick it – die Evolution des Sneakers von Ethletic

Sneaker zu tragen und zu besitzen sind für viele eine Leidenschaft. Instagram ist voll von Sneakerheads, die die neuesten Modelle der Giganten NIKE, Adidas und Reebok präsentieren. Einzige Crux an den Großen der Schuhbranche: Sie sind weit davon entfernt, faire und sozial anständige Produkte zu verkaufen. Greenwashing inklusive. Sneakerenthusiasten, denen aber wichtig ist, wie und wo ihre kicks hergestellt werden, haben leider keine allzu große Auswahl. Zum Glück gibt es aber einige Brands, die sich vor der Herausforderung eines fairen Sneakers nicht scheuen. Dazu zählt auch Ethletic. Die faire Sneakermarke ist seit Jahren am Markt und hat sich für diese Jahr einiges vorgenommen, wie mir Annika Langhagel im Interview verraten hat.


Liebe Anni, Ethletic gibt es seit 12 Jahren. In diesem Jahr habt ihr euch für einen neuen Style entschieden. Wie kam es dazu?

Seit unseren Anfängen mit dem ersten fair produzierten Fußball – das ist in der Tat schon 14 Jahre her! – und den ersten Ethletic-Canvas-Schuhen 2010 hat die Marke sich stark weiterentwickelt, und das wollten wir auch nach Außen hin deutlich machen. Für die aktuelle Sommer-Saison 2018 haben wir einige neue Modelle im Programm, die vom Design her viel eigenständiger sind als unser Klassiker, der Fair Trainer … den wir nach wie vor lieben und pflegen werden, keine Frage! Doch was wir planen ist, die Evolution des Sneakers vom einfachen Leinenschuh bis hin zum funktionalen Sportschuh mit nachwachsenden Rohstoffen nachzuvollziehen.

Dabei werden wir auch weiterhin beliebte Schuhformen „zitieren“, jedoch mit einem ganz eigenen Style und Schriftzug – und für diesen Schritt erschien uns ein neues Branding angesagt, eines, das anziehend auf junge Menschen wirkt, auf eine mode-affine Zielgruppe, die einfach auf gute Sneaker steht – und dann gern entdecken darf, dass es solche auch in „ethisch korrekt“ gibt, und genau dafür steht unser neuer Style und das neue Logo. Ich will nicht zu viel verraten, aber im kommenden Jahr gehen wir hier sogar noch einen Schritt weiter, es bleibt spannend.

Der Sneakermarkt ist hart umkämpft. Wo siehst du die Lücke, die Ethletic schließen kann?

Turnschuhe, die toll aussehen und die man gleichzeitig mit gutem Gewissen tragen kann: Diese Mischung kommt an, das spüren wir. Trotz unseres minikleinen Marketingbudgets schaffen wir es, die wachsende Gruppe deren, denen es nicht egal ist, was sie konsumieren, zu erreichen. Und das freut uns sehr! Manche unserer Kunden achten besonders auf eine „tierleidfreie“ Herstellung, anderen ist der Aspekt des Fairen Handels am wichtigsten, wieder anderen die nachhaltigen Rohstoffe und der Umweltschutz – und manchen alle drei Eigenschaften unserer Schuhe, also fair, vegan und nachhaltig. Wir sind ein kleines Unternehmen und unseren Kunden unendlich dankbar, dass sie unseren Weg unheimlich treu begleiten und unterstützen – so kam auch der Begriff der „Fair Family“ auf. Menschen, die Sneaker mit einer Geschichte zu schätzen wissen … einer Geschichte, an der wir mit unseren Kunden gemeinsam arbeiten. Das ist unsere „Lücke“.

Ihr habt 2010 den ersten Fairtrade-zertifizierten Sneaker herausgebracht, arbeitet viel mit Bio-Baumwolle und Naturkautschuk. Mit welchen anderen Materialien arbeitet ihr bzw. würdet ihr gerne einmal arbeiten?

Die beiden genannten Rohstoffe sind für uns das A und O, und wir versuchen, alles, was möglich ist, aus diesen Materialien herauszuholen. So haben wir ja zum Beispiel für 2019 ein neues Fersenpolster entwickelt, das aus Latexschaum aus unserem FSC-zertifizierten Naturkautschuk besteht. So kommen wir ohne Synthetik aus. Im kommenden Jahr zeigen wir auch Modelle mit mit einem Materialmix aus Baumwolle und SDRF (Sawdust Rubber Fabric), bestehend aus Biobaumwolle, Naturkautschuk und recycelten Sägespänen. Unsere Designerin Johanna Balzer beißt sich da gerne die Zähne dran aus, wie sie sagen würde.

Eine unserer größten Herausforderungen: Den Kundenwunsch nach Sneakern, die „wetterfester“ sind, zu erfüllen. Plastik kommt für uns da ebenso wenig infrage wie Bienen- oder Paraffinwachs. Da tüfteln wir noch! Wie beobachten natürlich auch neue Entwicklungen wie Ananasleder, Pilzleder und andere, möchten jedoch auch in Zukunft auf unsere transparenten und fairen Lieferketten aufbauen und dabei in einem erschwinglichem Preissegment bleiben. Unser nächster Schritt ist nämlich der komplett kompostierbare Sneaker, den wir dem Naturkreislauf wieder zuführen wollen, über ein Pfandsystem … und da sind wir schon sehr dicht dran!

Welches Eco Fashion Label passt aus deiner Sicht am besten zu Ethletic?

Oh, da würde ich keines ausschließen wollen! Wir sehen vor allem auf Instagram viele, viele gelungene Kombinationen, wobei wir uns auch besonders freuen, wenn jemand Second-Hand-Stücke total fashion forward kombiniert, das ist ja eine Kunst für sich und zeigt, dass es nicht immer etwas Neues sein muss. Labels, die mir persönlich besonders gut gefallen, sind zum Beispiel JAN ‚N JUNE, Tizz & Tonic, Underprotection oder Mandala Yogawear – und auch die neue, modisch etwas „gewagtere“ Linie von Vorreiter Armedangels mag ich sehr. Und da Sneaker sich ja zu allem stylen lassen, gibt es absolut keine Geschmacksgrenzen!

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Ehtletic (Produkt) / René Zieger (Outfit)

Für die Aufnahmen in Hamburg wurden mir mehrere Sneaker von Ethletic zur Verfügung gestellt. Hiro war mein Favorit, den ich nach dem Shoot auch behalten habe.

Die Poesie als Komplize – Zart auf Weiss von Julia Nohr

Wann hattet ihr zum letzten Mal ein Gedicht zur Hand oder dachtet an ein Stück Poesie zurück, das ihr in der Schule einmal gelernt hattet? Bei mir liegt das schon eine ganze Weile zurück, auch wenn ich tatsächlich Gedichtbände zwischen meinen Büchern stehen habe. Julia Nohr aus Köln wiederum beschäftigt sich jeden Tag mit Poesie. Nicht nur, weil sie selber Gedichte geschrieben hat, sondern auch Gedichte druckt – auf Shirts für ihr kleines feines Label „ZART AUF WEISS„. In unserem Interview sprechen Julia und ich nicht nur über gedruckte Zeilen, sondern auch über Anneke Kim Sarnau und ihren Wohnort Köln.


Liebe Julia, wie kamst du auf die Idee, Poesie auf Shirts zu drucken?

Ich schreibe ja schon lange Gedichte und Kurzgeschichten. Später habe ich Drehbuch und Regie studiert – also auch Geschichten geschrieben –, habe für Zeitschriften Künstlerportraits fotografiert und recherchiert und ich texte hin und wieder für Agenturen. Anfang 2000 haben wir mit der Tango Danza mehrere Kalender aufgelegt und verkauft, in denen ich Liebesgedichte mit eigenen Fotografien dieses wunderbar poetischen Tanzes „Tango Argentino“, den ich damals auch tanzte, verbunden habe. Sprache und Bild begleiten mich also seit jeher.

Mitte letzten Jahres bin ich dann erneut auf meine alten Gedichte gestoßen und dachte, dass es eine gute Gegenbewegung sein könnte, zu den üblichen Motto-Shirts, poetische Texte auf nachhaltig produzierte Shirts aus Biobaumwolle zu drucken. Die Trägerin oder der Träger kennen den Sinn, kennen die Stimmung, die mitschwingt, aber für alle anderen ist der Text eigentlich zu lang, um ihn im Vorbeigehen zu erfassen. Es bleibt das Grafische, einzelne Wörter und die Farben. Es bleibt das Wissen um eine Botschaft und vielleicht der Wunsch, sie zu verstehen.

Was war dir dabei am wichtigsten?

Ich wollte ein T-Shirt-Label schaffen, das für „sich Zeit nehmen“ steht, in jeder Hinsicht. Denn Zeit haben wir wohl gerade am wenigsten und sie doch am dringendsten nötig. ZART AUF WEISS ist auch eher ein Kunstprojekt als dass ich jetzt in die Textilindustrie einsteigen wollte.

Welche Gedichte kommen für dich und ZART AUF WEISS in Frage?

Ich habe vorerst jene meiner Gedichte ausgewählt, die sanfter, allgemeingültiger und öffentlichkeitsverträglicher sind. Viele meiner Freunde fanden das überhaupt wahnsinnig mutig, sein Innerstes auf ein Shirt drucken zu lassen. Aber da frage ich mich, ob wir nicht schon wieder in die falsche Richtung denken und fühlen. Warum sollte es intimer sein, seine Gedichte öffentlich zu machen als laut in der Bahn zu telefonieren, als sich (halb)nackt in der Badewanne auf Instagram zu räkeln oder Familienbilder zu posten?

Ein Gedicht ist ein mit Worten gemaltes Bild. Und Bilder tragen wir ja auch auf unserer Kleidung.

Die Rückmeldungen der Frauen (und Männer), die die Shirts kaufen, sind alle sehr positiv. Sehnsucht und Schmerz oder seelische Schwere, Verliebtsein und das Suchen nach Sinn und Spiegelung kennen wir doch alle.

Wie kam es zum Kontakt mit Anneke Kim Sarnau und Bjarne Mäde?

Ich habe Anneke einfach gefragt, weil ich sie als Schauspielerin großartig finde. Sie war für mehrere Lesungen auf der LIT COLOGNE in Köln angekündigt und ich fand, dass der Rahmen sehr gut passte. Also hab ich über ihre Agentur angefragt, ob sie nicht eines der ZART AUF WEISS -Shirts tragen wolle und irgendwann bekam ich eine SMS von Anneke selbst, dass sie dies gerne tun würde. Bjarne Mädel hat mit Anneke und  Jörg Thadeusz eben jene Lesung gehalten und ist spontan mit aufs Foto gekommen. Das fand ich sehr sympathisch!

Dass Anneke sich die Zeit genommen hat, die Gedichte gelesen und sich entschieden hat, eines auf der Bühne zu tragen ist für mich in Zeiten von hoch bezahlten Influencern gar nicht selbstverständlich. Da stand kein großes Label und hat sie dafür bezahlt, sondern sie hat es von Mensch zu Mensch entschieden: „Was Du machst mag ich. Ich unterstütze dich.“

Du lebst in Köln. Ist Köln eine poetische Stadt?

Ja und Nein. Ich liebe Köln. Ich liebe die Poesie, die durch die vielen Kulturen entsteht. Ich liebe den Karneval und das gemeinsame Singen und die Lust am Verkleiden. Beim Veedelslied, irgendwo spontan a Capella, mit lauter eigentlich Fremden Arm in Arm, geht mir das Herz auf. Die lauten und aggressiven Saufereien und die Scherben am nächsten Morgen dagegen nerven.

Poesie ist ebenso Punk und Tatoo und faltig und rauh!

Sommer-Abende auf Kölner Plätzen sind zutiefst poetisch, wenn da jemand Gitarre spielt und so viele unterschiedlichste Menschen wie eine leise murmelnde Meeresbrandung zusammensitzen. Leider kippt es in dem Moment, in dem man nicht mehr achtsam miteinander ist. Dann, wenn Einzelne sich laut auf eine Bühne stellen und rücksichtslos und ohne Feingefühl etwas leben, von dem sie glauben, dass es grade für sie passt. Aber eben nur für sie.

Poesie ist da, wo sich ein Moment zu einer Wahrheit verdichtet, wo die Essenz des Lebens spürbar ist. Poesie ist nicht die 1.000ste Wiederauflage vom Kleinen Prinzen. Meine Idee von Poesie ist nicht Mainstream und nicht süß. Poesie ist ebenso Punk und Tatoo und faltig und rauh… Lediglich Gewalt und Dummheit schließen ihre Anwesenheit aus.

Welchen Ort hast du in Köln am liebsten?

Ich liebe den Herkulesberg. Ich arbeite zur Zeit an einer Video-Installation, die von den wunderbaren Waldwegen auf diesem Schuttberg mitten in der Großstadt erzählt. Wenn ich da mit meinem Hund spazieren gehe, komme ich bei mir an. Jeder Tag ist anders und alle sind schön. Man wird nachsichtiger mit sich und lässt wieder die vielen verschiedenen Schattierungen seiner selbst zu.

Aber ich liebe es auch morgens früh um fünf auf der Aachener Straße zu stehen. Diese Morgenstunde trägt alle Möglichkeiten in sich. Und die, die schon joggen gehen, treffen auf die, die die Nacht durchgefeiert haben. Vogelzwitschern nach lauter Clubmusik. Großartig.


Wer noch mehr über Julia und ZART AUF WEISS erfahren möchte, der sollte einen Blick auf ihre Website samt Online-Shop werfen.

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Julia Nohr

Crewlove aus Postdam – Spring/Summer 2018 von Rotholz

Wie ihr wisst, bin ich großer Fan von Rotholz. Das kleine feine Label aus Postdam mit der minimalistischen Formensprache schafft es von Saison zu Saison, mit hochwertigen Eco Materialien schöne Basics und so manches Key Piece zu entwickeln. Seit gut zwei Jahren sind die Kleidungsstücke von Rotholz fester Bestandteil meiner nachhaltigen Garderobe. Just am Wochenende präsentierte die Marke ihre neue Spring/Summer 2018!

Die Sommerkollektion 2018 ist geprägt von eleganten Basics in gedeckten Farben. Im Vordergrund steht dabei wie auch schon in den letzten Saisons eine reduziert-geradlinige Ästhetik, die sich durch dezente Details abhebt von der Masse abhebt. Dabei reicht dieRotholz | Spring Summer 2018 | Space Series | Fotos: Rotholz | GROSS∆RTIG Bandbreite vom sportlichen Style mit 70er-Jahre-Anleihen bis
zum lässig-eleganten Streetwear / Urban Fashion-Chic.

Spacemen and Spacegirls, aufgepasst!

Wie in jeder Kollektion gibt es auch wieder ein Highlight, in limitierter Auflage. Diesmal ist es der Space Sweater mit Stick- und Printdetails. Die „Space Series“ ist zugleich eine Hommage an die Ursprünge von Rotholz, als vor allem kunstvolle Prints das Erscheinungsbild des Labels bestimmten. Die Serie wird von einem Cropped Sweater mit extra breitem Kragenband und einem space-schwarzen T-Shirt komplettiert. Das Thema Weltraum zieht sich auch farblich durch die gesamte weitere Kollektion.

Welche Materialien verwendet Rotholz?

Mit diesen Materialien arbeitet Rotholz:

  1. Wolle (sowohl reine Wolle als auch eine Mischung aus Wolle und Baumwolle)
  2. Bio-Baumwolle
  3. Leinen
  4. Recyceltes PET (die zertifizierten Recycling-Polyester-Garne entstehen aus recycelten PET-Flaschen)
  5. Tencel (umweltfreundliche Kunstfaster, hergestellt aus Zellulose)

Welche Zertifikate und Siegel verwendet Rotholz?

Diese Zertifikate und Siegel liegen bei Rotholz-Produkten vor:

  1. GOTS
  2. OCS Blended (gilt für alle Erzeugnisse, in denen Bio-Baumwolle gemeinsam mit anderen Materialien verarbeitet wird, z.B. beim Ankauf, Handling und Gebrauch von Fasern aus 100% zertifizierter Bio-Baumwolle in Garnen, Stoffen und fertigen Erzeugnissen)
  3. OEKO-TEX
  4. REACH Compliant
  5. Fair Wear Foundation (die Stiftung ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation, die mit Firmen und Fabriken zusammenarbeitet, um die Arbeitsbedingungen für die Textilarbeiter zu verbessern)

Wer die neue Kollektion einmal live und in Farbe erleben will, sollte dem Label einmal im Postdamer Showroom einen Besuch abstatten.

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Rotholz

Fetisch Fashion von FUSC – Damaris und Rosa im Interview

Fair Fashion bietet uns anno 2018 eine große Bandbreite, um den eigenen Stil modisch auszudrücken. Fair Fashion hat aber auch seine Grenzen, wie etwa bei Clubwear und Fetisch Fashion. In diese Lücke stoßen Damaris Moos und Rosa Hirn mit ihrem noch jungen Label Fusc! Die Art von Schmuck und Mode, wie die beiden sie machen, gibt es bisher in der Upcycling- und Slow-Fashion-Szene kaum – und umgekehrt gibt es auch keine Clubwear oder Fetischkleidung, die aus wiederverwerteten Materialien besteht. Genau das wollen die beiden Gründerinnen ändern!

Liebe Damaris, liebe Rosa, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Wir haben uns schon während des Studiums an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim kennengelernt. Damaris hat dort Mode- und Rosa Schmuckdesign studiert. Wir hatten schon damals die Arbeit des anderen im Blick, die Gelegenheit für ein gemeinsames Projekt hat sich dann aber erst 2017 ergeben, als wir uns in Berlin wiedergetroffen haben.

Um was sollte sich das gemeinsame Projekt drehen?

Ausgangspunkt für die ersten Treffen war die Idee eines Upcycling-Projekts. Inspiriert von den Berliner Müllbergen haben wir Altkleider gesammelt und damit die ersten freien Experimente gestartet. Von der Altkleideroptik waren wir jedoch bald gelangweilt, da sie uns sehr abgegriffen vorkam. Deshalb haben wir uns auf die Suche nach anderen Materialien gemacht, um einen Look zu kreieren, der edgy, anders und irgendwie schräg ist. Zufällig lagen in unserer wilden Bastelkiste neben Stoffen, verrosteten Metallteilen und diversen Sperrmüllschätzen auch ein paar kaputte Fahrradschläuche, -felgen und -speichen, die unser Interesse geweckt haben. Also fingen wir an, mit dem Material zu arbeiten und die ersten Modelle zu entwerfen. Dabei entstanden Ideen für Kopfschmuck aus Schläuchen und Speichen und Kleidungsstücke aus aneinandergenähten oder zu Streifen geschnittenen Schläuchen.

Die Berliner Müllberge kenne ich nur zu gut, vor allem die vielen „Fahrradleichen“, die einsam an Zäunen lehnen. Diese sind jetzt euer Arbeitsmaterial. Was verwendet ihr alles?

Uns fiel schnell auf, dass Fahrräder als Rohstoff sehr vielfältige Möglichkeiten für Schmuck und Kleidung bieten und wir dadurch beide unsere Kompetenzen gut einsetzen können. Fahrradschläuche sind haltbar, lassen sich gut verarbeiten und fühlen sich auf der Haut wie Latex oder Leder an. Aus den Felgen und Speichen lassen sich durch Löten, Sägen und Biegen sehr interessante Schmuckstücke fertigen.

Ihr hattet zu Beginn des Projekts gar nicht zwangsläufig an Fetisch Fashion und Clubwear gedacht …

Dass unser Look in die Fetisch- und Clubwear- Richtung geht, kristallisierte sich erst nach dieser ersten Entwurfsphase heraus. Da wir der Berliner Clubszene nicht fern stehen und „Alternative Fashion“ uns viel Freiraum für ausgefallende Entwürfe lässt, war das für uns eine passende Entwicklung. Bis zur offiziellen Firmengründung Ende 2017 haben wir unser Konzept in diese Richtung weiterentwickelt.

Grundsätzlich wollen wir uns aber nicht auf diese eine Szene beschränken, weil wir glauben, dass Fahrradmaterialien auch Potenzial für andere, straßentauglichere Entwürfe bieten. Außerdem planen wir für zukünftige Kollektionen mit weiteren gebrauchten Materialien zu arbeiten. Wir haben einfach großen Spaß an der Arbeit mit Fusc. In diesem Projekt verbinden wir das experimentelle Arbeiten mit Materialien und unser Interesse an alternativem und ungewöhnlichem Design mit dem Grundsatz von Upcycling und Nachhaltigkeit.

Wer noch mehr über die Arbeit von Damaris und Rosa erfahren will, der kann auf ihrer Website stöbern und sich bei Instagram inspirieren lassen. Wer ihre Kreationen auch einmal in Händen halten und anprobieren möchte, kann das im SYLD Store Berlin und im Tattoo Studio & Art Space R_1992!

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Fusc

Achtung, Hafendieb!

Wat is dat förn Schietwedder? Wem diese Frage Platt vorkommt, hat vollkommen Recht. Schietwedder bzw. Schanty heißt die neue Kollektion von Hafendieb aus Hamburg, die ihr unbedingt kennen solltet. Das Label von Martin Hagemann und Kai Dohse schmettert euch nicht nur ein gepflegtes „Moin“ entgegen, sondern zeigt euch modernen hanseatischen Fair Fashion Schick ohne Schnick-Schnack. Wer lieber das Fischbrötchen in der Hand als die Languste auf dem Teller genießt, ist beim Hafendieb genau richtig. Eine gute Prise Hamburger Roughness und die dreckige und ehrliche Atmosphäre eines Hafenviertels, dieses Lebensgefühl will das Label vermitteln und auf Stoff bannen. Kurz gesagt: Ehrliche Klamotten aus feinstem, nachhaltig produziertem Seemannsgarn für alle mit einem Gespür für den Charme des hohen Nordens.

Martin und Kai meinen dazu:

»Wie der Name schon vermuten lässt, haben wir uns von den traditionellen Seemannslieder trellernden Schanty Chören und dem immer schönen Hamburger Wetter inspirieren lassen. Ein Teil der neuen Artikel ist in Hamburg produziert und wie immer ist alles fair gehandelt.«

Die Umsetzung ist, wie man am Lookbook sehen kann, absolut gelungen. Hamburg durch und durch – finde ich als Berliner zumindest! Schanty aka Schietwedder ist ab sofort im Hafendieb-Store und online erhältlich. Nix wie ran ans Fischbrötchen, kann ich da nur sagen!

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Martin Hagemann und Kai Dohse

Mein neuer Wegbegleiter – VICTOR von FREITAG

Aufmerksame Leser haben meine neuen Wegbegleiter bereits auf meiner letzten Tour durch Marzahn entdeckt. Seit einigen Monaten trage ich VICTOR eigentlich täglich bei mir. Das Backpack stammt aus dem Hause FREITAG ist ein sehr klassischer Vertreter der Schweizer Manufaktur. Offiziell als F151_02027 bezeichnet lässt der Rucksack in der Größe L für mich keine Wünsche übrig. Ob ich nun meinen Laptop regensicher durch den Berliner Straßenverkehr bringen möchte oder meine Supermarkteinkäufe auf dem Rücken nach Hause bringen kann oder für den Wochenend-Ausflug alles Notwendige verstauen kann – VICTOR ist für meine täglichen Aktivitäten genau der richtige Wegbegleiter!

Hier die Hardfacts zu VICTOR

  • Material: gebrauchte Sicherheitsgurte, gebrauchte LKW-Planen sowie Fahrradschläuche
  • Wasserabweisendes Rollklappensystem
  • Action-Rücken-Polster
  • Reissverschlossenes Schnellzugriffsaussenfach
  • Steckschlaufe fürs Bügelschloss

Wer demnach noch auf der Suche nach einem Rucksack ist, der ziemlich viele Dinge mitmacht und dabei sehr robust ist und trotzdem top aussieht, der sollte zum F151 greifen. Die Investition lohnt sich definitiv. Wissensdurst noch nicht gestillt? Dann einmal bitte dieses Video ansehen:

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: René Zieger

Sowohl VICTOR als auch die in diesem Post ebenfalls zu sehende College-Jacke GREY HEATHER wurden mir von FREITAG zur Verfügung gestellt. Dies ändert allerdings nix an der Formidabilität dieser Produkte.

Urban Army von FUNKTION SCHNITT

Habt ihr schon einmal gute Streetstyles gesucht, die nicht von den üblichen Verdächtigen (und damit konventionell) gefertigt werden? Ich habe es und wurde nie wirklich fündig. Manches zu sportiv, manches eben dann doch nicht stylisch genug. Genau das richtige Mittelding habe ich für mich jetzt gefunden, und zwar bei einem guten alten Bekannten: FUNKTION SCHNITT. Mit ihren neuen Editionen erfindet sich das Kölner Label in diesem Jahr Stück für Stück neu. Ihr neuester Streich lautet URBAN ARMY, mit der du die Straße zu deiner Bühne machen sollst.

URBAN ARMY besteht aus den beiden Polen URBAN und UNITY:

  • Urban ist ein Unisex-Shirt mit einem anschmiegsamen Rip-Kragen, YKK-Zipper und einer länglichen Tasche am Ärmel
  • Unity ist ein verkürztes Kimono Longsleeve mit am-Saum-umgeschlagener Kangaroo Pocket und breiten Ärmel

Beide Teile bestehen aus schwerer Baumwolle und besitzen eine sehr glatte Oberfläche, sind kompakt gestrickt und sehr robust, modern und höchst funktional zugleich.

Von URBAN habe ich mir bereits selbst ein Bild machen können und finde die Kombination aus schwerer Baumwolle, der glatten Oberfläche sowie dem hohen RIP-Kragen bei kurzen Ärmeln einfach sehr stylisch. Wie URBAN an mir aussieht, erfahrt ihr in Kürze.

URBAN und UNITY sind seit Mitte April in Schwarz und Weiß erhältlich.

Text: Alf-Tobias Zahn
Fotos: FUNKTION SCHNITT

This is not a factory, this is not a shirt

Vor wenigen Tagen schrieb mich Maarten an. Er habe da vor einigen Monaten eine Idee gehabt, die jetzt, auf den letzten Metern, noch Unterstützung bei einem Crowdfunding benötige. Es ginge um Griechenland, dieses noch in der Krise befindliche Land und die dort gestrandeten Geflüchteten aus Syrien, die in den Camps keinerlei Perspektive haben. Mit seiner Idee will er, Maarten Hunink, diesen Menschen eine Perspektive geben. Wie dies mit NOT A FACTORY gelingen soll, hat er mir in einem Interview ausführlich erklärt.


Hi Maarten, how did you come up with this idea? What is your connection to Greece and the Refugees Crisis?

In the summer of 2016 I went to Greece to volunteer in one of the refugee camps. I was curious after reading and watching a lot of the news about the refugee crisis what the reality was like. Was it really a desperate situation, or had it been overdramatised. In that period I experienced the desperation first hand, and decided that I wanted to continue helping. I did so by volunteering for Drop In The Ocean and The Timber Project. For Drop In The Ocean I helped develop a point based distribution application to improve the distribution of clothes and food, and make the distribution more dignified, fair and fun. It enabled people to simply come ’shopping‘ instead of standing in line and getting handouts. With The Timber Project I helped build those ’shops‘, shade structures and other buildings.

After doing this work I became aware that even though this kind of work is great and needed, there was a different need that wasn’t addressed. The fact that refugees in Greece have no opportunity to educate themselves or find employment, due to the fact that Greece is still in a serious economic crisis itself. When I was looking for ideas to solve that problem I was surrounded by the cotton fields in the area of Larissa, and then I met two Syrian tailors. And then I thought, maybe if I combine both, I can create something which benefits both! The beginning of NOT A FACTORY.

How did you find your local Greek partners? Where do you get your shirts from?

If found greek textile suppliers through the website of the Global Organic Textile Standard. That is where I will source the organic textile from. The T-shirts will be sewn by us. Printing the T-shirts will be done by a Greek partner who I found through a friend who used to work for Carhartt. She told me that Greece used to be famous for it’s high quality T-shirt printing.

„Only“ producing a shirt seems to me like a single project. Are you planning more e.g. building up a NGO or connecting with an existing one?

Yes and Yes. I want to continue to grow this into a healthy social enterprise. At first I want to make sure the T-shirt production is going well, after our initial ‚This is not a T-shirts‘ t-shirts I’m looking forward to work together with different artists to create a collection and tell the story of hope and transformation in their own way through a T-shirt.

After that I’m also very curious if we can make other fun products, like organic Aleppo soap. But this is for later…

Another element which is important to me, even though maybe initially we won’t have super much time for it. But I want to provide all the people that we work (and beyond) trainings and courses. Not necessarily related to making T-shirts, but for their own development. Can be a language class, computer programming, etc. In order to make that happen I’d love to work together with other NGO’s like Help Refugees.

What is the most touching moment related to NOT A FACTORY so far?

One day we decided to go to the beach together with Mohamed, Noor and Ibrahim. To get them out of the camp and thank them for shooting the crowdfunding video with us. The moment we drive away from the camp they burst out in joy and laughter. The music is turned on and it is time to party. Finally free…

Later as we have arrived at the beach, and we are looking out over the sea, Mohamed turns away and gets tears in his eyes. He says: Maybe a better life is possible. Maybe one day he can drive his own car again, live in a house again, have children again. I give him a hug. I hope so too…

What is your favorite place in Greece?

Easy… The islands! I love being close to the sea, having nature all around, seeing the mountains, olive trees, sun sets, clear water, rocks, beaches… It’s just amazing. And especially at times when things are challenging, I love being able to walk to the sea, go for a swim and release all the tension. On an island the sea is always closeby, it’s beautiful.


Wer Maarten und sein Projekt unterstützen möchte, kann dies direkt über NOT A FACTORY machen. Ich drücke ihm die Daumen und hoffe, dass er die weiteren Schritte gehen wird, um die Situation vor Ort in Griechenland zumindest für einige wenige nachhaltig verbessern kann.

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Martijn Kappers & Mercia Moseley

„Made IN Europa, FOR Bangladesh“ – Ali Azimi von Drip by Drip im Interview

Wie gelingt das eigentlich, einen Unterschied auszumachen? Sich für etwas einzusetzen, was uns alle betrifft? Sich einer Idee zu verschreiben, die Besserung bringen soll? Im Interview mit Ali Azimi, Initiator der NRO Drip by Drip und Mitgründer des dazugehörigen Modelebals BlueBen sprechen wir über die Herausforderungen, die verfahrere Situation in unserer Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft zu ändern und dabei immer und immer wieder auf Missstände aufmerksam zu machen, die viele von uns gar nicht wahrnehmen – weil sie zu klein oder zu weit weg von unserem eigenen Alltag sind oder einfach als unbedeutend wahrgenommen werden. Wie zum Beispiel der immense Wasserverbrauch der Textilindustrie, die wir selber täglich / wöchentlich / monatlich füttern.


(c) Jonas Nellissen

Lieber Ali, du bist Gründer des Labels BlueBen und der NRO Drip by Drip. Ihr widmet euch vor allem dem Thema Wasserverbrauch in der Textilindustrie. Wie kam es zu der Auseinandersetzung mit dieser Thematik?

Es war ziemlich banal. Ich hatte den Film The True Cost gesehen und war schockiert über den Wasserverbrauch und den intensiven Pestizideinsatz bei Baumwolle. Daraufhin habe ich vier Monate lang recherchiert und mich mit dem Thema Wasser und Textil auseinandergesetzt. Das Thema wird immer wichtiger wie man aktuell an Kapstadt oder Indien sieht. Auch der Film RiverBlue, der erst vor kurzem erschienen ist, befasst sich damit.

Vor einigen Jahren habe ich mich mit einigen Freunden und dem Designmob ebenfalls dem Thema gewidmet und haben festgestellt, wie schwer es ist, das Problem mit virtuellem Wasser in Textilien anderen Menschen näher zu bringen. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Bevor Blue Ben und Drip by Drip entstanden sind, habe ich eine Mini Crowdfunding Kampagne initiiert, mit der ich Geld für Wasserprojekte sammeln wollte. Die Kampagne hieß CHOOSE WATER NOT COTTON. Es war extrem schwer, dafür die nötigen Spenden zu bekommen. Das Thema ist einfach sehr weit weg. Wir haben hier in Mitteleuropa keine Probleme mit zu wenig oder verunreinigtem Wasser, jedenfalls noch nicht. Ich habe mich dann gefragt, woran das liegt und wie man es besser machen kann. So entstand Blue Ben und daraus Drip by Drip.

(c) Jonas_Nellissen

Weshalb habt ihr euch dafür entschieden, mit BlueBen ein eigenes Modelabel zu gründen, um auf das Thema aufmerksam zu machen?

Das Label ist ein sehr effektives Tool, um Menschen aufmerksam zu machen und gleichzeitig eine Alternative zu bieten. Ich habe mich oft gefragt, ob die Lösung noch ein weiteres Label ist. Aber jetzt sehe ich, dass es die richtige Entscheidung war. Sonst würden wir beide heute nicht sprechen und das wäre sehr schade. Darüber hinaus wollten wir uns radikal von anderen Labels absetzen. Das ist uns alleine durch den Verzicht auf BIO-Baumwolle bereits gelungen.

Aktuell kann euer erstes Kleidungsstück bei Startnext finanziert werden. Kannst du uns zu #Natural und #Bold mehr erzählen?

#Natural, #Bold und #Limited sind unsere drei Farbkategorien. Die #Natural Sweater zeichnen sich durch hellere Farben aus. Aktuell gibt es sie in GULL GREY. Weitere Farben werden aber folgen. Diese helleren Farben benötigen weniger Wasser als die Sweater unserer #BOLD Edition. Die zeichnen sich durch satte Farben aus und haben das Etikett außen am Arm statt innen wie beim #Natural. Wir wollten den Menschen Möglichkeiten geben zu wählen, da wir ja nur mit einem Produkt starten. Unsere #Limited Editions, die aktuelle und alle, die noch folgen werden, werden speziell von Designern kreiert und angefertigt und sind durch einen sehr auffälligen Druck oder Illustration gekennzeichnet.

Statt Baumwolle verwendet ihr eine Mischung aus Modal und Hanf – wie seid ihr auf diesen Materialmix gekommen?

Wenn man nein zu Baumwolle sagt, nein zu Plastik und komplett in Europa bleiben möchte, bleibt da nicht mehr viel. Hanf, Leinen, Modal und Viskose sind aktuell die einzigen Alternativen. Beide Fasern haben hervorragende Eigenschaften, die in Kombination Baumwolle und Polyester bei weitem überlegen sind. Wir arbeiten aber noch an weiteren Stoffen wie den weltweit ersten 100% Modal French Terry. Alle Rohstoffe die wir nutzen, wachsen in Europa, brauchen keine Pestizide, werden nicht künstlich bewässert und haben so den niedrigsten ökologischen Fußabdruck. Vor allem aber wollten wir den Wasserfußabdruck senken und das ist uns gelungen. Statt 3.500 L benötigen wir nur noch 360 L Wasser für unseren Sweater.

(c) Jonas Nellisson

Ist der Sweater auch unter fairen und sozialen Bedingungen hergestellt worden?

Wir bleiben vom Rohstoff bis zur Konfektionierung in Europa, in Österreich, Frankreich und Portugal um ganz genau zu sein. Durch die Produktion in unserer “Nähe”, können wir die Einhaltung von Sozial- und Arbeitsstandards am ehesten nachvollziehen und regelmäßig überprüfen. Darüber hinaus erfüllt Portugal als Mitglied der EU die Mindeststandards der ILO von Hause aus. Deshalb verzichten wir auch auf die Nutzung von Siegeln.

Wie überprüft ihr die Einhaltung der Sozial- und Arbeitsstandards konkret?

Wir haben im Februar alle unsere Produktionspartner in Portugal besucht und uns die Fabriken und Arbeitsabläufe zeigen lassen. Unsere Partner haben sich durch verschiedene Siegel zertifizieren lassen und sind gesetzlich durch portugiesisches Recht zur Einhaltung der ILO-Mindeststandards verpflichtet. Anders als die Fabriken in den meisten asiatischen Produktionsländern. Darüber hinaus planen wir aber auch regelmäßige Besuche unserer Fabriken, um den Kontakt zu unseren dortigen Partnern zu intensivieren, um die Herstellung weiterer neuer Stoffe möglichst nahe begleiten zu können und um noch mehr Verständnis für die Produktionsabläufe und die Möglichkeiten weiterer Wasserersparnis zu entwickeln.

Noch ein Vorteil ist, dass unser Team für die Produktion direkt in Porto ansässig ist und mindestens einmal im Monat bei allen Partnern vorbeischaut. In diesem Zuge werden wir natürlich auch einen Blick auf die Arbeitsbedingungen vor Ort haben. Allgemein verbindet uns aber ein starkes Vertrauensverhältnis mit unseren Partnern, die augenscheinlich mit den neuesten Technologien und höchsten Standards arbeiten.

Ich persönlich plane für die Zukunft eine Reise mit ausgewählten Bloggern, die sich alle Schritte in Ruhe angucken und kritische Fragen stellen können.

(c) Benedikt Fuhrmann

Im Interview mit Viertel / Vor hast du eine mögliche Lösung für die Wasserknappheit in bestimmten Ländern skizziert: „Eine Lösung kann sein, mit der Mode-Produktion generell nicht mehr in Länder zu gehen, wo das Wasser knapp ist und als Trinkwasser und für den Lebensmittelanbau dringender gebraucht wird als für alles andere. Wir müssen eigentlich jede Fashion-Produktion in Länder verlegen, die genug Wasser haben.“ In Ländern wie Bangladesch, das du selbst besucht hast, ist die Textilindustrie aber wichtigster Industriezweig. Greift da die skizzierte Lösung nicht zu kurz?

Warum ist das so? Das sollten wir uns ernsthaft fragen. Bangladesch ist regelrecht abhängig von unserem Textilkonsum. 5 Millionen Menschen arbeiten in dieser Industrie davon über 70% unter unwürdigen Bedingungen.

Wir können weder die Politik noch die Industrie in diesen Ländern kontrollieren. Warum sollten wir dann weiterhin dort bleiben? Diese Abhängigkeit und unser Bedürfnis nach möglichst billiger Ware, führt immer mehr zu Lohndumping und ökologischen Katastrophen. Und das alles auf Kosten der dort lebenden Menschen.

Aber auch wir spüren bereits die Konsequenzen. Je mehr die Umwelt dort verschmutzt wird und der Klimawandel die Lebensgrundlagen zerstört, desto mehr Menschen müssen zu uns kommen. Wo sonst sollen sie hin? Die Lösung kann sicherlich nicht sei, dort von heute auf morgen alles stehen und liegen zu lassen, nachdem wir diese Länder erst in Abhängigkeit von unserem Konsum gebracht haben. Aber noch mehr Produktion dorthin zu verlagern halten wir für falsch.

Der niedrige Preis als einziges Kriterium – alles andere ist nebensächlich

Seien wir doch mal ehrlich. Der einzige Grund für uns in diesen Ländern zu produzieren ist doch der niedrige Preis. Alles andere ist nebensächlich. Jedes Produkt, das wir importieren, könnten wir auch in Europa herstellen aber eben zu einem deutlich höheren Preis. Darüber hinaus ist aufgrund der Bevölkerungszahlen der Textilbedarf Asiens (4,436 Mrd. Menschen) viel größer als der Europas (743,1 Mio. Menschen). Die Notwendigkeit für das produzierende Gewerbe und die daran hängenden Arbeitsplätze bleibt also auch ohne uns bestehen.

Deshalb bleiben wir hier und zahlen Reparationen an diese Länder, als eine Art Ausgleich zu den niedrigen Preisen und um die Aufbereitung des, durch die Textilindustrie, verschmutzten Wassers zu ermöglichen.

(c) Jonas Nellisson

Wie kann ich mir die Reparationen vorstellen? Unterstützt ihr bestimmte Projekte in den jeweiligen Ländern?

Wir möchten uns mit der Produktion in Europa nicht vor unserer Verantwortung als Konsumenten von Fast Fashion drücken, denn auch wir haben in unserem Leben Kleidung made in Bangladesch gekauft. Damit tragen auch wir Verantwortung für die Wasserverschmutzung, unter der dort immer mehr Menschen ernsthaft zu leiden haben. Deshalb zahlen wir Reparationen, also Entschädigungsleistungen, an diese Länder. Jedes Kleidungsstück von Blue Ben wird einem Land gewidmet. Made IN Europa, FOR Indien…Kenia…usw. Wir beginnen mit Bangladesch. Unsere neu gegründete NRO Drip by Drip wird diese Zahlungen verwalten und an lokale Partner in den entsprechenden Ländern weiter reichen und nachvollziehen, wofür das Geld verwendet wurde. Bei der Entscheidung, wohin genau die Zahlungen fließen, vertrauen wir auf die Expertise der lokalen Partner, die ihr Land und die Bedürfnisse der Bevölkerung besser kennen als wir. Dennoch müssen diese Partner gefunden werden und es muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, damit wir nachvollziehen können, ob die Reparationen den Zweck der Wasseraufbereitung erfüllen. Deshalb die Gründung von Drip by Drip.

Welcher Moment auf deiner Reise zu eigener NRO und Label war für dich der prägendste Moment?

Als ich realisiert habe mit was für wunderbaren und talentierten Menschen ich arbeiten darf. Ich habe schon sehr oft Projekte umgesetzt aber dieses Mal fühlt es sich anders an. Es ist wirklich was ganz besonderes und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit.

Zu guter Letzt: Hast du einen Lieblingsort und wenn ja, warum ist dieser besonders?

Ich kann dir sagen wo ich mich sehr wohl fühle aber einen Lieblingsort habe ich nicht. Überall dort wo Menschen zusammenkommen und gemeinsam lachen und Freude empfinden. Dort fühle ich mich am wohlsten. Das kann bei meiner Familie sein, bei Freunden, in Portugal beim Surfen, mit unserem Team oder in Bangladesch.


Wer Ali und sein Team von Drip by Drip auf der BlueBen-Mission begleiten und unterstützen möchte, kann dies noch bis zum 20. April auf STARTNEXT machen.

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Benedikt Fuhrmann, Jan Nellisson, Drip by Drip e.V.

Keine langweilige Rosa-Wolke-Marke für Kids – Manitober aus Hamburg

Vor wenigen Tagen schrieb mir mein Freund Jan, ich solle mir doch mal ein Label namens Manitober näher ansehen. Für die hätte er was gestaltet. Beim Klang von Manitober in meinen Ohren klingelte es bereits, denn das Label kannte ich bereits von Instagram. So entstand der erste Kontakt zu Marcus, dem Gründer von Manitober. Ein erstes Treffen in Berlin zerschlug sich, aber wir haben dennoch zueinander gefunden. Aus einem digitalen Schlagabtausch entstand ein ganz wunderbares Interview über zeitgemäße Kindermode, das Rückgabeprinzip, die großen Modekonzerne und … Zombies.


Lieber Marcus, stell‘ Dich doch bitte einmal meinen Leserinnen und Lesern vor.

Hi, ich bin Marcus, wohne in Hamburg und mache (dies/das) verschiedene Dinge, zurzeit vor allem Kinderbekleidung.

Welche Beweggründe gab es, mit Manitober ein Kindermodelabel zu gründen?

Mittlerweile habe ich selber zwei Kinder. Als Bekleidungstechniker begutachtet man Klamotten mit anderen Augen, natürlich auch die der Kids. Berufskrankheit quasi. Und leider sehe ich auch immer viele Sachen die mich stören und die ich schlecht gelöst finde. Hinzu kommt dieses Genderthema, dass mir wirklich extrem auf die Nerven geht. Ich hatte dann die Idee mit dem Rücknahmekonzept und dachte mir das ist eigentlich wonach ich gesucht habe. Let’s go!  

Was hat dich am meisten gestört?

Auf jeden Fall Farben und Motive. Es gibt ja noch andere Farben als blau und pink. Ich finde auch die Motive sind so oft zu romantisch verklärt, sehr genderkonform und diese Früchte-/Tier-Alloverprints kann ich auch nicht mehr sehen! Außerdem sind viele Sachen qualitativ nicht besondern gut, meistens in Asien produziert und dafür immer noch genauso teuer wie unsere Styles. Es fallen einem aber auch andere Sachen auf, die einfach unpraktisch sind und irgendwie nicht kindgerecht. Ich will gar nicht sagen, daß wir das Rad neu erfinden, aber wenn man genau hinschaut gibt es viele kleine Dinge, an die man noch mal ein paar Gedanken verwenden kann.

Du hast das Rücknahmekonzept schon genannt. Wie funktioniert es bei Euch?

Die Artikel können bei uns ganz normal gekauft werden. Allerdings hast du als Käufer die Möglichkeit, alle Teile wieder zurück zu geben. Wir bewerten dann ihren Zustand und geben dir einen angemessenen Betrag als Gutschrift zurück. Wenn nichts dran ist an den Teilen kann das dann bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises ausmachen. An den Klamotten unserer Kids ist selten irgendwas total hinüber. Die zurückgegebenen Klamotten werden dann von uns ausgebessert, repariert und gereinigt und als „generalüberholt“ wieder angeboten. Simple as that!

Was war Euer erstes fertiges Produkt für Manitober?

Ich glaube die Wollwalkjacke, die war relativ schnell eingetütet…

Wie und wo werden Eure Produkte produziert?

Wir haben verschiedene Produzenten. Die Wollwalksachen werden tatsächlich in Deutschland hergestellt, bei einem kleinen Familienbetrieb im Hunsrück. Die Sweatshirts und demnächst auch andere Artikel kommen aus Portugal. Mit den Portugiesen habe ich früher schon viel zusammen gearbeitet, die sind super. Wir haben uns ja in einer Verpflichtung zur Transparenz verschrieben, deshalb haben wir da keine Geheimnisse und man kann sich auf unserer Homepage alles genau angucken. Die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen und Näher sind in Deutschland und Portugal sehr gut. Es gibt Gewerkschaften, Interessensverbände und funktionierende Systeme, die diesen Menschen eine gute Arbeitsumgebung garantieren. In unseren Größenordnungen ist das auch noch überschaubar.

Was macht Euch besser als H&M und Zara, die ja auch Kids Clothes anbieten?

Ich hole etwas aus: Zara, H&M und andere „Fußgängerzonenläden“ gehören zum Fast Fashion Business. „Schnell“ bezieht sich hier sowohl auf Lebenszeit der Klamotten als auch auf den Turnus, in dem neue Kollektionen entstehen und verfügbar sind. Es ist offensichtlich, dass diese Klamotten billig sein müssen. Deshalb ist die Produktion schlecht bezahlt, die Materialien minderwertig und das Design nicht gut durchdacht. Sie sind quasi dafür gemacht, nur für eine begrenzte Zeit modisch zu sein. Wegwerf-Mode könnte man es auch nennen. Bei Kinderbekleidung ist das gar nicht schlimm, denn die passt nach einer gewissen Zeit sowieso nicht mehr. H&M und Zara sind in diesem Geschäft nicht mal die schlimmsten Akteure, die stehen nur sehr im Vordergrund.

Wie sieht Euer Gegenentwurf aus?

Wir machen Bekleidung, die durchdacht, fair produziert und haltbar ist. Dafür ist sie natürlich auch deutlich teurer. Allerdings tragen wir mit unserem Rücknahmekonzept dazu bei, dass weniger produziert werden muss, dass Ressourcen geschont werden und alle Beteiligten vom Schaf zum Käufer angemessen behandelt und bezahlt werden. Und wenn man die Anschaffungskosten mit der Haltbarkeit und unserer Gutschrift gegenrechnet, kommt man wahrscheinlich günstiger weg. Alles eine Frage der Einstellung.

Mit Tchibo steigt ein großer Einzelhändler in den Markt ein, Kindermode ab sofort nur noch zu mieten bzw. zu leihen. Wie bewertest du diese Entwicklung?

Interessante Entwicklung tatsächlich. Zeigt auf jeden Fall, dass diese Sharing Economy mittlerweile auch bei in den großen Firmenzentralen angekommen ist. Mal sehen wohin das führt. Ist auf jeden Fall schonmal ein gutes Signal.

Wo steht Manitober im Jahr 2020? Was habt ihr in den nächsten Jahren alles vor?

2020 ist ja verrückterweise gar nicht so lange hin. Schön wäre wenn wir bis dahin alles Geld zurück gezahlt hätten und bei Plus/Minus Null stehen würden. Ich fände es schön, wenn wir uns bis dahin als Kindermarke etabliert hätten für Eltern, die auf diese ganzen anderen Geschlechterrollenkonformen, langweiligen, Rosa-Wolke-, Helikopter-Marken keine Lust haben. Wir werden wahrscheinlich bald einen kleinen Laden aufmachen und haben dann eine Anlaufstelle für alle Kunden. Wir werden in Zukunft wohl auch halbjährige Kollektionen entwickeln und auch mit Einzelhändlern zusammenarbeiten. Das ist der Plan.

Welche Grüne Marke findest Du selbst besonders gut?

Patagonia war für mich immer ein ziemlicher Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Die haben ja witzigerweise jetzt auch ein ähnliches Konzept wie wir. Schwör, habe mir das da nicht abgeguckt! Finde ich aber gut, dass DIE die gleiche Idee hatten. Scheint wir sind nicht auf einem ganz falschen Weg… Ansonsten gibt es viele Marken, die nicht nur gute, schöne Sachen machen, sondern es auch geschafft haben im main-stream anzukommen. Klamotten ordentlich herzustellen ist nicht schwer, es als ein ernsthaftes Business zu betreiben schon. Veja, Armed Angels, PYUA etc. das sind Sachen, die mich auch interessieren.

Was müsste sich aus Deiner Sicht in der Branche ändern, damit der Absatz von Öko-Mode zunimmt?

Ich glaube die Bekleidungsbranche richtet sich vor allem nach den Wünschen der Kunden. Von daher ist es – glaube ich – kein Branchen-Problem, sondern ein Menschen-Problem. Konsum muss wieder etwas Besonderes sein und nicht tägliche Unterhaltung. Deshalb wollen wir vor allem das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum schärfen. Ich bin gespannt, wo das noch hingeht und warte nebenbei auf die Zombie-Apokalypse ;)

A propos Zombies: Wie findest du die aktuelle Staffel von The Walking Dead?

Haha! ich weiß gar nicht, welche die aktuelle Staffel ist. Ich habs bis zu Negan geschafft, aber der hat mich dann doch zu sehr genervt, dass ich ausgestiegen bin. Wenn man sich das anguckt, ist die Welt in der wir leben vielleicht doch ein ganz guter Kompromiss. So ein „Neustart“ birgt natürlich auch so seine Gefahren, den Kopf zu verlieren ;)

Last but not least: Welchen Ort in Hamburg hast Du am liebsten?

Es gibt eine Ecke, wo die Bernard-Noch-Straße auf die Davidstraße trifft. Manchmal laufe ich da lang in Richtung Park Fiction und genau an diesem Punkt geben die Häuser den ersten richtigen Blick auf den Hafen frei. Gleichzeitig ist es eine Ecke, an der es immer zieht. Du läufst also da lang und auf einmal wirst du fast umgepustet, aber gleichzeitig ergibt sich dieser ewig weite Blick über den Hafen, wie du ihn sonst ja selten hast in einer Großstadt. Ich bleibe dann immer kurz stehen und denke: „Krass, dass es mich jedes mal wieder so beeindruckt!“ Man kann auch mal gut genervt sein von Hamburg, seinem Wetter und den grummeligen Leuten. An dieser unspektakulären Ecke finden wir wieder zusammen.

Danke, Marcus, für das Interview!


Mehr von Manitober könnt ihr auf Instagram entdecken sowie auf der Website des Labels samt Online-Shop.

Interview: Alf-Tobias Zahn
Fotos: Manitober